Arbeit ist ein zentraler Begriff der Menschheit, der sich im Laufe der Geschichte grundlegend gewandelt hat. Während Arbeit in der griechischen Antike als Praxis und damit gegenüber der
Theorie als minderwertig galt, erfuhr sie durch die Reformation und insbesondere durch den Philosophen Hegel eine Aufwertung. Bei Karl Marx wird sie sogar zur Grundbestimmung des Menschen. Um kaum
einen Begriff ranken sich so viele kontroverse Theorien, Diskussionen, Welt- und Leitbilder. Und mit kaum einem anderen Begriff waren und sind so viele Emotionen der Menschheit und Fragen nach dem
Sinn des Lebens und der Ethik verknüpft.
Während bis ins Mittelalter ein sehr uneinheitlicher Arbeitsbegriff vorherrschte, ist seine heutige Verwendung erst auf die Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft und das Bekenntnis aller
zum Wert der Arbeit zurückzuführen. Diese geistesgeschichtliche Wende fiel zusammen mit der Entwicklung der industriellen Produktion und Revolution Ende des 18. und im 19. Jahrhundert.
Seither haben sich die Bedingungen der Arbeit in mehr oder weniger großen Schüben immer wieder drastisch verändert. Lange Zeit galt der Faktor Arbeit als der "Gegenspieler" des
Faktors "Kapital". Diese ehemalige Klassendebatte ist heute in den Hintergrund getreten (Sozialpartnerschaft, Tarifpartner, Tarifpolitik, Mitbestimmung).
Systematisch gesehen lassen sich eine naturwissenschaftliche und eine geisteswissenschaftliche Betrachtung unterscheiden. So gibt es einen physikalischen, chemischen, biologischen und
gesellschaftlich-ökonomischen Arbeitsbegriff. Die geisteswissenschaftliche Perspektive führt nicht nur zu einem ökonomischen Begriff (Arbeit als Produktionsfaktor), sondern auch zu
einer ganzheitlichen Sicht, die bei der Bewertung der Arbeit auch Kriterien der Menschengerechtigkeit berücksichtigt.
Unterschieden wird heute auch gerne zwischen Erwerbsarbeit und Nichterwerbsarbeit. Vielfach ist man bemüht, auch die Nichterwerbsarbeit als "produktive" Arbeit zu verstehen, zu erfassen und
einer ökonomischen Bewertung zu unterziehen.
Gegenstand der modernen Diskussion über den Begriff Arbeit ist die Frage, welche Rolle die Werte des christlichen Arbeitsethos (Arbeit als sittliche Pflicht, Lebensaufgabe,
Verantwortungsbewusstsein, Leistungsbereitschaft und Mittel zur persönlichen Entfaltung) in der modernen Arbeitswelt heute noch spielen oder ob eher Werte wie das Streben nach persönlichem
Glücksgewinn, Spaßorientierung, Selbstverwirklichung und Entfaltung und damit die Vermeidung von Leid dominant geworden sind. Wertwandelforscher wie Helmut Klages neigen eher zur These der
Wertsynthese, das heißt einer Kombination der Pflicht- und Akzeptanzwerte mit Selbstentfaltungswerten.
Im Rahmen einer interdisziplinären und angewandten Arbeitswissenschaft als einer eigenständigen wissenschaftlichen Disziplin geht es um die Untersuchung von Arbeitssystemen und deren
Gestaltung nach menschengerechten und ökonomischen Kriterien. Bei der praktischen Gestaltung der Arbeitssysteme sind heute die gesicherten Ergebnisse arbeitswissenschaftlicher Forschung zu
berücksichtigen, zumal durch Mechanisierung und Automatisierung in wachsendem Maße ein Wandel von körperlicher zu geistig-nervlicher Anforderung bei der Arbeit stattfand. Damit
veränderten sich auch die klassischen Attribute der Arbeiterschaft (von körperlicher zu geistiger Beanspruchung).
Arbeits- und Industriesoziologen haben den Strukturwandel der Arbeitsbedingungen und -verhältnisse in der Industrie untersucht und stellten fest, dass infolge des technischen Fortschritts, des
Wertewandels sowie der veränderten Marktanforderungen die Phase des Taylorismus/ Fordismus (strenge vertikale und horizontale Arbeitsteilung und Hierarchisierung) durch den Postfordismus (neue
Produktionskonzepte mit weniger Hierarchie und Arbeitsteilung und ganzheitlicheren Arbeitsinhalten) allmählich abgelöst wird. Dies hat beträchtliche Folgen für das
gesellschaftliche Bewusstsein und das Selbstverständnis der Träger des sogenannten Faktors Arbeit. (Me)