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Ausführliche Begriffsbeschreibung

Basisinnovationen


Innovationen, die umfassendes technisches Neuland erschließen und einen breiten Strom von Nachfolgeinnovationen mit weitreichenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Konsequenzen auslösen, werden Basisinnovationen genannt. Denn sie bestimmen in hohem Maße das Tempo und die Richtung des Innovationsprozesses quer durch die Wirtschaft. Mit Basisinnovationen lassen sich Umsätze erreichen, die zu einer gesamtwirtschaftlichen Welle wirtschaftlicher Entwicklung mit der Entstehung vieler neuer Arbeitsplätze führen. Sie lösen einen erheblichen Strukturwandel in Wirtschaft und Gesellschaft aus (Prozess der "schöpferischen Zerstörung"). Für die Entwicklung der modernen Gesellschaft sind sie als prägend zu betrachten.

Die Einordnung von Basisinnovationen leitet sich wesentlich aus den Arbeiten des österreichischen Nationalökonomen Joseph A. Schumpeter (1883 bis 1950) ab ("Konjunkturzyklen", Bd. I). Er griff auf die Entdeckungen des russischen Nationalökonomen Nikolai D. Kondratieff (1892 bis 1938) aus dem Jahre 1926 zurück. Kondratieff fand heraus, dass die konjunkturelle Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaft nicht nur durch kurze und mittlere Zyklen, sondern auch durch lange Schwankungen mit einer Dauer von 40 bis 60 Jahren gekennzeichnet ist. Schumpeter nannte sie "Kondratieff-Zyklen" und brachte sie in einen Zusammenhang mit so genannten Basisinnovationen, die für sie ursächlich sein sollen. Die Existenz dieser "langen Wellen" ist heute allerdings unter Experten nicht unumstritten.

Die Zyklen sind indes mehr als nur technisch-ökonomische Umbrüche mit jeweils spezifischen Technologienetzen, sie bedeuten zugleich auch gesamtgesellschaftliche Veränderungen in den jeweiligen Aufbauprinzipien der Gesellschaft (sozialer Wandel). Bleiben Basisinnovationen aus, dann stagniert der evolutionäre Prozess der Wirtschaft. Für die Vergangenheit wurden von Schumpeter zunächst drei lange Wellen (mit jeweiliger Prosperitäts-, Rezessions-, Depressions- und Aufschwungphase) diagnostiziert. In Fortführung der Auffassung Schumpeters wurden ihnen zwei weitere Wellen angefügt und eine sechste lange Welle in Aussicht gestellt.

Eine erste lange Welle wird auf die Zeit vom Ausgang des 18. Jahrhunderts bis Mitte des 19. Jahrhunderts datiert; sie beruht wesentlich auf der Antriebskraft der stationären Dampfkraft und -maschine. Es kam durch die Mechanisierung der Produktion zur so genannten industriellen Revolution. Die industrielle Produktionsweise löste nach und nach die handwerkliche ab, die Arbeit wurde vielfach leichter und ein neues Unternehmertum entstand.

Teilweise aufbauend hierauf kam es zu einer zweiten langen Welle, die bis zum Ende des 19. Jahrhunderts andauerte. Man nutzte die Kenntnisse über die Dampfkraft und die Entwicklung des Stahls zum Bau von Eisenbahnen und Schiffen. Mit den neuen Transportmitteln erschloss man sich neue Räume und es entstanden neue Infrastrukturen. Es entwickelte sich mehr und mehr eine neue Mittelschicht.

Eine dritte lange Welle setzte zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein, die bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges dauerte. Sie basierte wesentlich auf der Elektrizität und der Chemie. Elektromotor, Radio, Energienetze und Telefon kamen zum Tragen, allmählich aber auch das Auto und ein weiterer Ausbau der Grundstoff- und Stahlindustrie. So entstanden Großkonzerne, Monopole und Kartelle. Die Massenproduktion beherrschte den Markt und es begann eine Konzentration von Menschen und Maschinen.

Nach 1945 begann eine vierte lange Welle, die etwa bis zur Mitte der achtziger Jahre dauerte. Die Petrochemie galt als ihre bedeutendste Basisinnovation; Antriebsstoffe für Autos, Flugzeuge und Schiffe wurden preiswert und eine Reihe von Folgeinnovationen (Kunststoffe, Textilfaser, Kosmetika, Farben, Düngemittel) folgten. Es entfaltete sich die Automobilwirtschaft mit einer Vielzahl von Zulieferern, Händlern etc. Noch nicht ganz zum Zuge kamen bedeutende Entwicklungen wie die integrierte Schaltung und der Computer. Jetzt intensivierte sich die Weltwirtschaft sowie die technologische Dominanz der USA. Die Industriegesellschaft begann allmählich ihren Zenit zu verlassen.

Heute sollen wir nach Auffassung von Innovationsforschern bald am Ende einer fünften Welle stehen, deren maßgebliche Basisinnovation in der Informationstechnik gesehen wird. Sie durchdringt alle Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft und führt zu neuen dezentralen Formen von Unternehmen und der Arbeit (z.B. virtuelle Unternehmen und Telearbeit). Die Arbeit wird mehr und mehr wieder zu den Menschen gebracht. Der Faktor Information wird zum wichtigsten Produktionsfaktor erklärt, der die Innovationsprozesse beherrscht. Die Informationswirtschaft und -gesellschaft entsteht. Das wirtschaftliche Wachstum ist mehr und mehr informations- und wissensbasiert.

Schon wird von Innovationsforschern wie Leo A. Nefiodow für das 21. Jahrhundert ein sechster Zyklus anvisiert, bei dem die zwischenmenschlichen Beziehungen im Mittelpunkt stehen werden, es auf die psychosoziale Gesundheit ankommt und in dem der Gesundheits- und der Wellnesssektor dominante Wirtschaftbereiche sein sollen.

Es ist ex ante allerdings schwer zu bestimmen, aus welchen Schlüsseltechnologien sich einmal Basisinnovationen entwickeln werden. Entscheidend ist, dass aus neuen technischen Erfindungen auch neue Produkte werden, die vom Markt in breiter Front angenommen werden und sich Folgeinnovationen ergeben. Hierzu bedarf es neben allgemeiner wirtschaftlicher Freiheit und Wagemut auch ausreichenden Finanzkapitals, einer hohen Technikakzeptanz in der Bevölkerung sowie eines großen technisch-wissenschaftlichen Know-hows. (Me)

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