Hintergrundtext

Mangelhafte berufliche Integration: Langfristige Strategien

Jugendlichen Migranten die Chance zu geben, den Schulabschluss oder eine Berufsausbildung nachzuholen, ist zwar gut und richtig, gleichwohl haben diese Maßnahmen letztlich Reparatur-Charakter. Langfristig muss jedoch gelten: Nachbessern ist gut, Vorbeuge

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Die PISA-Studien und andere Leistungsvergleiche von Schülern haben es schon vor Jahren an den Tag gebracht: Die Ausbildungsreife von Jugendlichen –egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund – hängt maßgeblich davon ab, ob sie einen Kindergarten besucht haben, welchen Bildungshintergrund ihre Eltern haben, ob und welche Lernmittel den Kindern zur Verfügung stehen und ob sie mit Lust und Laune in die Schule gehen oder eher genervt und missmutig. Bei Kindern aus Migrantenfamilien kommt erschwerend noch das Sprachproblem hinzu. Tatsächlich, auch das ist statistisch belegt, schneiden viele von ihnen im Vergleich zu Kindern ohne Migrationshintergrund aber in allen Punkten schlechter ab: Sie besuchen seltener eine frühkindliche Bildungseinrichtung; ihre Eltern haben häufiger einen formal niedrigeren Bildungsabschluss; und sie arbeiten seltener begeistert in der Schule mit. Wer also verhindern will, dass Kinder von Anfang an benachteiligt sind, muss genau diese Missstände abschaffen. Für die Eltern heißt das, dass sie ihre Kinder aktiv fördern und unterstützen müssen – und für die Politik heißt das, folgende Aufgaben voranzutreiben:

Ausbau frühkindlicher Bildung

Zahlreiche Studien belegen, dass es für die spätere Schulkarriere eines Kindes sehr hilfreich ist, wenn es schon früh eine Kindertagesstätte besucht. In einer Untersuchung für die Bertelsmann Stiftung zum Beispiel wurden die Bildungswege von Kindern ausgewertet, die zwischen 1990 und 1995 geboren wurden. Demnach entscheidet sich die Frage, ob ein Kind später das Gymnasium besucht oder nicht, im Wesentlichen an zwei Faktoren: dem Bildungsstand der Eltern und der Teilnahme an frühkindlicher Bildung, also bereits im Alter von unter drei Jahren. Allein der Krippenbesuch erhöht die Wahrscheinlichkeit, später aufs Gymnasium zu gehen, von 36 auf gut 50 Prozent. Ähnliche Zusammenhänge gelten für den Besuch eines Kindergartens, also für den Nachwuchs im Alter von drei bis sechs Jahren.

Intensivere Sprachförderung

Dass Sprachkenntnisse für das Leben und Arbeiten in einem „fremden“ Land unerlässlich sind, versteht sich zum einen von selbst und ist zum anderen wissenschaftlich belegt. Je früher ein Kind eine fremde Sprache lernt, desto besser. Am besten schon im Vorschulalter im Elternhaus und in der Kindertagesstätte, denn im Alter von bis zu sechs Jahren können eventuelle sprachliche Defizite noch ohne großen Lernaufwand behoben werden. Nach der Einschulung wird es schon deshalb immer schwieriger, eine Fremdsprache zu erlernen, weil die sprachlichen Anforderungen höher werden und die bis dahin aufgelaufenen Sprachschwierigkeiten den Nachwuchs schon am Anfang der Schullaufbahn in allen Fächern zurückfallen lassen – nicht nur im Deutschunterricht.

Ein weiteres Problem ist, dass die bereits vorhandenen Sprachförderangebote häufig mit der Schulzeit enden. Es mangelt an Projekten, die eine Sprachförderung mit der Berufsorientierung und aktiver Unterstützung bei der Ausbildungsplatzsuche verbinden. Erschwerend kommt hinzu, dass jugendliche Migranten, die sich bereits im Bildungssystem befinden, in der Regel keinen Anspruch auf einen Integrationskurs haben. Aber auch von jenen, die solch einen Kurs besuchen können, wünscht sich Umfragen zufolge fast die Hälfte, dass die Materialien und Unterrichtsmethoden mehr den Interessen und Bedürfnissen von Jugendlichen gerecht werden und die Sprachförderung enger mit den Themen Berufsbildung und Berufsbildungsvorbereitung verbunden wird.

Bessere schulische Rahmenbedingungen

Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Projekt „Ganztagsschulen und Integrationsprozesse von Migranten“ ist zwar noch nicht vollständig ausgewertet, eines lässt sich aber jetzt schon sagen: Während der Grundschulphase helfen Ganztagsschulen den Kindern mit Migrationshintergrund, Rückstände durch anfängliche Sprachprobleme oder bildungsfernere Elternhäuser aufzuholen. Zudem lassen sich die auch die bestehenden Ganztagsschulen verbessern. Was vor allem fehlt, sind Schulpsychologen, die sowohl den Schülern als auch den Lehrern zur Seite stehen – den Schülern in Sachen Einzelfall- und Unterrichtshilfe sowie Schullaufbahnberatung, den Lehrern in Sachen Leistungsmessung, individuelle Förderung und Erziehungskonflikte.

Motivation von Schülern, Eltern und Lehrern

Das A und O einer erfolgreichen Schulzeit ist die persönliche Motivation, der Spaß am Unterricht. Die moderne Hirnforschung bestätigt diese subjektiven Erfahrungen, denn ob, wo und wie Informationen im Gehirn gespeichert werden – also ob und wie gelernt wird – hängt wesentlich vom emotionalen Zustand der Schüler und Schülerinnen während des Unterrichts ab: Die spätere Erinnerungsleistung ist am höchsten, wenn sie sich in der Schule wohl gefühlt haben.

So konnte nachgewiesen werden, dass Schüler dann deutlich bessere Leistungen erreichen, wenn sie in ihrer Selbstwirksamkeit gestärkt werden. Unter Selbstwirksamkeit verstehen Psychologen die Überzeugung eines Menschen, bestimmte Fähigkeiten zu besitzen und erfolgreich einsetzen zu können. Mädchen schneiden zum Beispiel in Mathematik dann besser ab, wenn sie darin bestärkt werden, dass sie – entgegen einem weit verbreiteten Vorurteil – mathematische Probleme genauso gut lösen können wie Jungen.

Die Motivation von Schülern hängt selbstverständlich auch von ihren Eltern ab. Sie sollten ihre Kinder zu aufgeweckten und neugierigen Kindern erziehen, indem sie ihnen ein Vorbild sind. So hat zum Beispiel die „Stiftung Lesen“ 2010 in einer Studie herausgefunden, dass zwar mehr als 80 Prozent der Eltern in Deutschland wissen, wie wichtig das Lesen für die Entwicklung ihrer Kinder ist – trotzdem kümmern sich nur 30 Prozent der Eltern darum, ob und was ihre Kinder lesen. In derselben Studie kam heraus, dass 40 Prozent der deutschen Eltern ihren Kindern nie oder nur gelegentlich vorlesen – in Familien mit Migrationshintergrund sind es sogar 80 Prozent.

Neben der Unterstützung der Eltern braucht es selbstverständlich gut ausgebildete und motivierte Erzieher, Betreuer und Lehrer in den Kitas, Kindergärten und Schulen. Zudem sind bei der Aus- und Fortbildung von Pädagogen integrationsspezifische Inhalte stärker zu berücksichtigen, als dies bisher geschehen ist.

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