Hintergrundtext

Migranten in Deutschland: Zahlen und Fakten

Ob Bildungsabschlüsse, Einkommen oder Armutsgefährdung – die fast 16 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland schneiden beinahe immer schlechter ab als die einheimische Bevölkerung.

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Der Befund ist eindeutig. In seinem Informationsdienst zur Integrationsarbeit schreibt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge: „Im Vergleich zu Schülerinnen und Schülern ohne Migrationshintergrund sind Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund in Haupt- und Sonderschulen noch immer überrepräsentiert und in weiterführenden Schulformen unterrepräsentiert.“ Die Wissenschaftler sagen aber auch: „Jugendliche mit Migrationshintergrund, die in sozial besser gestellten Familien aufwachsen und zu Hause die Sprache des Einwanderungslandes sprechen, verfügen über ähnlich hohe Kompetenzen wie Jugendliche ohne Migrationshintergrund.“

Bildungsnachteil für Migranten in Deutschland

Mit anderen Worten: Bildung ist das A & O einer erfolgreichen Integration. Tatsächlich aber kommen sowohl nationale als auch internationale Bildungsstudien immer wieder zu dem Ergebnis, dass es in Deutschland ein auffallend großes Bildungsgefälle zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund gibt. Die Gründe dafür sind vielfältig. So hat zum Beispiel die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Paris festgestellt, dass von den über 15-Jährigen mit ausländischen Wurzeln fast die Hälfte höchstens einen Haupt- oder Realschulabschluss hat – in der deutschen Bevölkerung ist der Anteil nur halb so hoch. Mit diesem großen Unterschied liegt Deutschland auf dem viertletzten Platz aller untersuchten OECD-Länder – neben Deutschland waren das Australien, die Schweiz, Kanada, Österreich, die USA, Schweden, Irland, die Niederlande, Frankreich, das Vereinigte Königreich und Japan. Am oberen Ende der Bildungsskala schneidet Deutschland sogar noch schlechter ab: Nur knapp 15 Prozent der Einwanderer sind hochqualifiziert – das ist der zweitschlechteste Wert hinter Österreich (11 Prozent) und ein Rückstand von fast 8 Prozentpunkten gegenüber dem OECD-Durchschnitt.

Was dieser internationale Vergleich schon andeutet, wird von deutschen Zahlen bestätigt. In der Gruppe der 25- bis 64-jährigen Menschen, also jenen, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, haben 11 Prozent der Deutschen keinen beruflichen Abschluss, bei Personen mit Migrationshintergrund ist der Anteil mehr als dreimal so hoch, nämlich 38 Prozent. Allerdings gibt es innerhalb dieser Gruppe erhebliche Unterschiede. Während nämlich von den Menschen mit eigener Migrationserfahrung – also jenen, die im Ausland geboren und nach Deutschland eingewandert sind – immerhin 40 Prozent keinen Berufsabschluss haben, schneiden die in Deutschland geborenen Migranten schon viel besser ab: Von ihnen haben „nur“ noch 26 Prozent keine Berufsausbildung – aber auch das sind noch mehr als doppelt so viele wie in der übrigen Bevölkerung.

Bildungsforscher und Politiker führen dies häufig auf die häusliche Situation und ein teilweise unbewusstes Fehlverhalten der Eltern zurück: Im Vergleich zu deutschen Kindern und Jugendlichen besuchen Migranten auffallend seltener einen Kindergarten und fehlen mehr als doppelt so häufig in der Schule – beides sind Missstände, für die leider oft die Eltern verantwortlich sind. Zudem stammen Kinder mit Migrationshintergrund wesentlich häufiger aus Familien, in denen weder der Vater noch die Mutter einen höheren Schulabschluss haben. Warum das so ist, erklärte Aygül Özkan, Ministerin für Soziales und Integration in Niedersachsen, in einem Interview mit der Online-Ausgabe der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“: „Die Einwanderer der ersten Generation waren einfache Arbeiter. Ihr Qualifikationsmerkmal war körperliche Fitness. Sie mussten sich einem Gesundheitstest unterziehen, sonst nichts. Man hat keine Intellektuellen ins Land geholt. Die Gastarbeiter hatten auch kaum Gelegenheit, sich in der Freizeit fortzubilden. Der Familienzusammenhalt unter Einwanderern ist stark, vielfach wurden die Kinder von den Großeltern betreut, statt in den Kindergarten zu gehen.“

Schlechte Karten auf dem Arbeitsmarkt

Die vergleichsweise schlechte Bildung spiegelt sich logischerweise in den Arbeitsmarkstatistiken wider. Denn wer nur einen Hauptschulabschluss hat und/oder ohne Berufsabschluss dasteht, der muss in der Regel mit einfachen Tätigkeiten vorlieb nehmen und ist wesentlich mehr von Arbeitslosigkeit bedroht als gut ausgebildete Menschen. Exemplarisch seien hier drei Kennziffern genannt:

  • Die Erwerbstätigkeit von Migranten konzentriert sich vor allem auf Arbeitertätigkeiten. Fast die Hälfte von ihnen verdient ihren Lebensunterhalt in Berufen, die viel körperliche Arbeit verlangen, aber zumeist relativ schlecht bezahlt werden – unter den Nicht-Migranten beträgt dieser Anteil nur rund ein Viertel. Bei den Beamten und Angestellten sind Migranten dagegen unterrepräsentiert.
  • Das Arbeitslosengeld I und II (Hartz IV) ist für mehr als ein Fünftel der Migranten in Deutschland die Haupteinnahmequelle. In der übrigen Bevölkerung gilt dies für weniger als jeden Zehnten.
  • Die Arbeitslosenquote von Migranten ist mit 14 Prozent etwa doppelt so hoch wie in der restlichen Bevölkerung. Die Quoten zeigen sogar dann erhebliche Unterschiede, wenn beide Gruppen über dieselben formalen Qualifikationen verfügen. Das gilt insbesondere für Hochqualifizierte: Während nur 3 Prozent der einheimischen Akademiker und vergleichbar gut Qualifizierten arbeitslos sind, ist die Quote unter den Migranten dreimal so hoch. Der Grund dafür ist meistens, dass diese Menschen zwar die formalen Qualifikationen erfüllen, ihnen aber die notwendigen Sprachkenntnisse fehlen. Wenn in einem Haushalt nicht Deutsch gesprochen wird, steigt das Arbeitslosigkeitsrisiko – bei gleichem Alter, Geschlecht und Qualifikationsniveau – gegenüber jenen, die Deutsch beherrschen, um 60 Prozent.

Höheres Armutsrisiko

Mangelhafte Bildung, schlechter bezahlte Jobs und höhere Arbeitslosigkeit schlagen sich letztlich auf dem Bankkonto nieder. Wie groß die finanziellen Einbußen sind, lässt sich anhand der Einkommensverteilung zeigen. Dazu teilt man alle Menschen in fünf gleich große Einkommensgruppen und schaut dann, wer im Laufe der Jahre von einer in die andere Gruppe auf- oder absteigt. Unterscheidet man zudem noch zwischen Migranten und Nicht-Migranten, dann zeigt die Statistik für Deutschland folgende Ergebnisse:

  • Migranten steigen seltener aus der untersten Einkommensschicht auf als Nicht-Migranten.
  • Migranten steigen häufiger aus der Mittelschicht (2. bis 4. Einkommensschicht) in die unterste Gruppe ab.
  • Migranten schaffen seltener den Sprung aus der Mittelschicht in die oberste Einkommensgruppe.

Je weniger Geld jemand verdient, desto größer ist auch sein Risiko, unter die sogenannte Armutsgrenze zu fallen. Deshalb haben geringqualifizierte Migranten in Deutschland ein fast doppelt so hohes Armutsrisiko wie die übrige Bevölkerung. Erreichen sie aber einen mittleren Berufsabschluss, unterscheidet sich ihr Armutsrisiko kaum noch von dem anderer Menschen mit gleicher Qualifikation.

Es lässt sich zwar nicht leugnen, das viele Migranten ein höheres Risiko haben, arbeitslos zu werden oder unter die Armutsgrenze zu fallen – dennoch dürfen diese Zahlen nicht verallgemeinert werden. Denn sobald die Hürden Sprache und Qualifikation genommen sind, wenn also Migranten und Nicht-Migranten mit gleichen Voraussetzungen antreten, gibt es zwischen diesen beiden Gruppen kaum noch Unterschiede.

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