Interview

„Eine spät abgebrochene Ausbildung ist ein schwerer Rückschlag“

Holger Schäfer, Arbeitsmarktexperte im Institut der deutschen Wirtschaft Köln, über den Arbeitsmarkt für Jugendliche.

Holger Schäfer ist Arbeitsmarktökonom im Institut der deutschen Wirtschaft Köln. FOTO: IW Medien

Im europäischen Vergleich scheint der hiesige Arbeitsmarkt für Jugendliche fast schon eine Insel der Seligen. Ist tatsächlich alles in Butter?

Holger Schäfer: Ja und nein. Die Sorgen sind auf jeden Fall deutlich kleiner als vor ein paar Jahren. Schwierig bleibt es für Geringqualifizierte – gleich welchen Alters. Zum einen, weil die Unternehmen für die Herstellung und Weiterentwicklung technisch komplexer Produkte in erster Linie gut ausgebildete Mitarbeiter benötigen. Zum anderen stehen die weniger gut Ausgebildeten in Konkurrenz zu Arbeitskräften aus osteuropäischen EU-Ländern und aufgrund der Globalisierung auch zu Niedriglohnarbeitern zum Beispiel aus China oder Indien.

Inwiefern ist eine zu geringe Qualifikation ein Problem für die Jugendlichen in Deutschland?

Holger Schäfer: Inzwischen beginnt nahezu jeder zweite Jugendliche im entsprechenden Alter ein Studium, viele andere absolvieren eine Berufsausbildung. Allerdings bringen längst nicht alle jungen Leute ihre Ausbildung zu Ende. Mehr als ein Fünftel der Ausbildungsverträge wird vorzeitig gelöst, fast die Hälfte davon erst im zweiten oder dritten Lehrjahr. Gerade eine so spät abgebrochene Ausbildung kann für die Betroffenen ein schwerer Rückschlag sein. Nicht außer Acht lassen darf man auch jene jungen Menschen, die Jahr für Jahr ohne jeglichen Abschluss die Schulen verlassen – allein 2009 waren es 60.000. Ihnen bleiben die meisten Berufe gänzlich verschlossen. Beide Probleme, ein fehlender Schulabschluss oder eine abgebrochene Ausbildung, kommen besonders häufig bei ausländischen Jugendlichen vor. Junge Migranten haben es deswegen auf dem deutschen Arbeitsmarkt schwer als Gleichaltrige mit deutscher Staatsangehörigkeit.

Kein Schulabschluss, abgebrochene Ausbildung – welche Chancen gibt es da überhaupt noch? 

Holger Schäfer: Die Bundesagentur für Arbeit baut den schwierigen Fällen mittlerweile so einige Brücken. Insgesamt wendet sie jährlich rund 1,8 Milliarden Euro auf, um Jugendlichen den Einstieg in den Arbeitsmarkt zu erleichtern: Zu den Hilfsangeboten gehören unter anderem die sogenannte erweiterte vertiefte Berufsorientierung, die Einstiegsqualifizierung und berufsvorbereitende Maßnahmen. Das mit Abstand teuerste Programm ist die Förderung der Berufsausbildung benachteiligter Jugendlicher. Sie kostete 2010 rund 672 Millionen Euro.

Bringt das viele Geld etwas?

Holger Schäfer: Erfreulicherweise sind die meisten Förderprogramme einigermaßen effektiv. Sie bewirken, was sie bezwecken. Ob der Aufwand in einem vernünftigen Verhältnis zum Ergebnis steht, wurde bisher allerdings noch nicht systematisch untersucht.

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