Hintergrundtext

Jugendarbeitslosigkeit in Europa – und warum Deutschland besser dasteht

In Deutschland haben Jugendliche weitaus weniger Probleme auf dem Arbeitsmarkt als anderswo in Europa. Dafür gibt es mehr als einen Grund.

FOTO: Focus Pocus LTD/Fotolia

Der deutsche Arbeitsmarkt ist für Jugendliche eine Insel der Seligen. Während viele andere europäische Länder gegen ausufernde Jugendarbeitslosigkeit kämpfen, allen voran die Südeuropäer, feiert Deutschland einen Erfolg nach dem anderen (Grafik):

Im Jahr 2014 betrug die Jugendarbeitslosigkeit hierzulande gerade noch 5,8 Prozent – damit waren fast 20.000 15- bis 24-Jährige weniger auf Jobsuche als noch 2013 und nicht einmal halb so viele wie 2005.

In Griechenland und Spanien dagegen lag die Arbeitslosenquote der 15- bis 24-Jährigen deutlich über 50 Prozent (Grafik). Zwar erhebt das europäische Statistikamt Eurostat die Arbeitslosenquoten anders als das Statistische Bundesamt und kommt für Deutschland auf eine Jugendarbeitslosigkeit von 7,8 Prozent, doch mit diesem Wert steht die Bundesrepublik in Europa am besten da. Selbst in der Schweiz und in Österreich, wo die Arbeitslosigkeit der über 25-Jährigen noch niedriger ist als in Deutschland, stehen mehr Jugendliche auf der Straße als hierzulande.

Die Diskrepanz zwischen dem allgemeinen Arbeitsmarkt und dem für Jugendliche ist jedoch in anderen Staaten noch auffälliger: In Schweden, Italien und Großbritannien ist die Jugendarbeitslosenquote viermal so hoch wie jene der über 25-Jährigen. In Frankreich, Belgien und Finnland sowie Polen, Tschechien und Ungarn sieht es mit Faktor 3 kaum besser aus. In Deutschland ist die Jugendarbeitslosigkeit zwar auch höher als die der älteren Erwerbsfähigen – aber eben nur um das 1,6-Fache, und auch das ist der geringste Unterschied in Europa.

Warum Jugendliche in Deutschland leichter Arbeit finden

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Eine Antwort lautet: Weil Deutschland viel besser durch die Wirtschafts- und Finanzkrise gekommen ist und weil die Arbeitslosigkeit in allen Altersgruppen stark gesunken ist: Die Bundesrepublik ist das einzige Land in Europa, in dem sich die Jugendarbeitslosigkeit seit 2007 nennenswert verringert hat. In Spanien dagegen haben sich die Arbeitslosenquoten aller Altersklassen binnen weniger Jahre verdreifacht. Dass die Krise auf dem hiesigen Arbeitsmarkt kaum bleibenden Spuren hinterlassen hat, hängt unter anderem damit zusammen, dass der massive Einsatz von Kurzarbeit Entlassungen verhindert hat und die deutsche Industrie sich schnell wieder erholt hat

Es gibt aber auch weniger konjunkturabhängige Gründe dafür, dass es Jugendliche hierzulande leichter haben:

  • Der demografische Wandel läuft in Deutschland viel schneller ab als in den meisten anderen europäischen Ländern. Von 2010 bis 2060 wird die Zahl der 15-bis 24-Jährigen um ein Drittel schrumpfen – es gibt dann über 3 Millionen junge Bundesbürger weniger. Für die Unternehmen wird es schon heute immer schwieriger, ihren Bedarf an Nachwuchskräften zu decken. Dieses Problem besteht in Irland, Großbritannien, Belgien, Frankreich, Spanien und Schweden nicht: Dort steigt die Zahl der Jugendlichen bis 2060 sogar weiter an.
  • Bis 2015 gab es in Deutschland keinen allgemeinen gesetzlichen Mindestlohn – anders als etwa in Frankreich. Arbeitsmarkt-Experten gehen davon aus, dass das für Berufseinsteiger ein Vorteil war. Denn Anfänger erwirtschaften aufgrund ihrer geringen Erfahrung oft weniger, als sie durch ihren Arbeitslohn, Sozialversicherungsbeiträge und sonstige Lohnnebenkosten an Ausgaben verursachen. Deswegen erleichtern es niedrigere Einstiegsgehälter den Unternehmen eine Stelle mit einer Nachwuchskraft zu besetzen, während eine allgemeine Lohnuntergrenze das Anforderungsniveau heraufschraubt. Wie sich die Einführung des Mindestlohns tatsächlich auf den Arbeitsmarkt für Jugendliche auswirkt, ist aber voraussichtlich erst in einigen Jahren zu erkennen.
  • Das System der dualen Berufsausbildung ist eine deutsche Spezialität. Die Verzahnung der praktischen Ausbildung im Betrieb mit der Vermittlung theoretischen Know-hows an der Berufsschule gibt es in den meisten anderen Ländern so nicht. Der große Vorteil dieses Modells ist, dass die Jugendlichen ihr Schulwissen im Unternehmen sofort erproben können und am Ende ihrer Ausbildung direkt als vollwertige Arbeitskraft einzusetzen sind. Weil die Arbeitgeber von Nachwuchskräften mit betriebsspezifischen Kenntnissen profitieren, haben sich viele bemüht, auch in schwierigen Zeiten Ausbildungsplätze anzubieten.

Stand: Juni 2015

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