Hintergrundtext

Ein vollbeschäftigtes Land

Am Vorabend des Ersten Weltkriegs war Deutschland eine prosperierende Volkswirtschaft. Auf dem Arbeitsmarkt herrschte praktisch Vollbeschäftigung.

Eine systematische Erfassung der Erwerbstätigkeit gab es im Kaiserreich nicht. Eine „Berufszählung“ im Jahr 1907 ergab allerdings, dass damals gut 26 Millionen Menschen „hauptberuflich erwerbstätig“ waren. Hinzu kamen 7,5 Millionen „Nebenberufsfälle“ und 650.000 Angehörige des Militärs. Von den Haupterwerbstätigen waren die meisten Lohnarbeiter, überwiegend in der Industrie, die 8,5 Millionen Arbeitnehmer beschäftigte, darunter immerhin 1,5 Millionen Frauen. Die größten Arbeitgeber waren die Metallindustrie, der Maschinenbau, die Textil- und Bekleidungsindustrie sowie das Baugewerbe.

Anfang des 20. Jahrhunderts waren 43 Prozent aller Arbeitskräfte in der Industrie beschäftigt – heute sind es nur noch 25 Prozent.

Entsprechend gering war mit 19 Prozent damals das Gewicht des Dienstleistungssektors. Heute arbeiten 74 Prozent der Erwerbstätigen in Serviceberufen.

Große Bedeutung hatte im Kaiserreich auch noch die Landwirtschaft, in der 6,4 Millionen Selbstständige und mithelfende Familienangehörige sowie 3,4 Millionen Arbeiter beschäftigt waren. Insgesamt arbeiteten 38 Prozent der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft – heutzutage sind es nur noch 1,6 Prozent.

Arbeitslosigkeit spielte keine Rolle

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Eine offizielle Arbeitslosenstatistik gab es damals ebenfalls nicht. Allerdings spielte das Thema ohnehin keine große Rolle, denn bis 1913 herrschte praktisch Vollbeschäftigung. Das jedenfalls lässt sich aus der Statistik der Gewerkschaften entnehmen, die immerhin den Anteil ihrer beschäftigungslosen Mitglieder veröffentlichten. Zwar war der gewerkschaftliche Organisationsgrad damals mit knapp einem Drittel recht niedrig und konzentrierte sich zudem auf Industriearbeiter, die stärker von konjunkturellen Schwankungen betroffen waren als Beschäftigte in anderen Branchen. Dennoch vermitteln die Gewerkschaftsstatistiken ein anschauliches Bild von der rosigen Lage auf dem Arbeitsmarkt: Die Arbeitslosenquote betrug selten mehr als 2 Prozent (Grafik).

Der sprunghafte Anstieg auf 7 Prozent im Jahr 1914 war ein rein kriegsbedingter Effekt, der erst ab August eintrat und durch Einberufungen zum Militär und Umstellungen auf die Kriegsproduktion hervorgerufen wurde. Bereits im Frühjahr 1915 war die Arbeitslosigkeit wieder auf das frühere Niveau gesunken und es herrschte eher ein Mangel an Arbeitskräften.

Wer dennoch arbeitslos wurde, war ganz unten angekommen. Eine Arbeitslosenversicherung wurde erst 1927 eingeführt, die Arbeitslosen im Kaiserreich waren – falls sie nicht zu den Wenigen gehörten, die von den Gewerkschaften unterstützt wurden - auf Fürsorge und Spenden angewiesen. Um Ersparnisse zu bilden, waren die Löhne damals einfach zu gering.

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