Hintergrundtext

Geburtenrate vor 1914: Als jede Frau noch vier Kinder bekam

Im Kaiserreich wuchs Deutschlands Einwohnerzahl rasant.

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Das kaiserliche Deutschland (1871 bis 1918) befand sich auf dem Übergang vom Agrar- zum Industrieland. Die Triebfedern des ökonomischen Wandels waren ein starkes Bevölkerungswachstum und die zunehmende Bedeutung der Städte als industrielle Zentren: Von der Reichsgründung 1871 bis zur Jahrhundertwende wuchs die Bevölkerung im Deutschen Reich alle fünf Jahre um 2 Millionen, zu Beginn des 20. Jahrhunderts sogar um rund 4 Millionen (Grafik).

Von 1871 bis 1914 stieg die Zahl der Einwohner um mehr als 60 Prozent auf knapp 68 Millionen.

Dahinter stand eine Geburtenrate, wie sie danach nie wieder erreicht wurde: Während eine Frau in der ersten Dekade des 20. Jahrhunderts durchschnittlich 4,2 Kinder bekam, sind es heute nur noch 1,4 Kinder.

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Für den hohen Bevölkerungszuwachs waren vor allem die steigende Produktivität in der Landwirtschaft und der medizinische Fortschritt verantwortlich. Im Ergebnis war das Deutsche Reich zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein ausgesprochen junges Land (Grafik):

Im Jahr 1910 waren 60 Prozent der Bevölkerung jünger als 30 Jahre – heute sind es nur noch 30 Prozent.

Vor allem die industriellen und administrativen Zentren zogen die Menschen in Scharen an. So wuchs die Bevölkerung im Rheinland innerhalb von nur zehn Jahren von 5,8 auf 7,1 Millionen im Jahr 1910. In Industriehochburgen wie Essen und Duisburg stieg die Einwohnerzahl um das Anderthalbfache, Gelsenkirchen wandelte sich sogar von einer Kleinstadt mit 37.000 Bürgern zur Großstadt mit 170.000 Bewohnern. Auch die Werft- und Marinestandorte Kiel und Hamburg gewannen viele Einwohner hinzu.

Die Hauptstadt Berlin dagegen hatte das stärkste Bevölkerungswachstum bereits hinter sich: Schon von 1855 bis 1900 war die Zahl der Einwohner von 461.000 auf 1,9 Millionen gestiegen. In den folgenden zehn Jahren kamen nur noch knapp 200.000 Menschen hinzu.

Zuwanderer hatten übrigens mit dem Bevölkerungsboom kaum etwas zu tun. Ganz im Gegenteil: Bis in die 1880er Jahre war das Kaiserreich ein Auswanderungsland, weil die Wirtschaft angesichts des rasanten Bevölkerungswachstums nicht allen einen Arbeitsplatz bieten konnten.

Zwischen 1880 bis 1889 verließen 1,4 Millionen Deutsche ihre Heimat, die meisten, um in den USA ihr Glück zu versuchen.

Gegen Ende des Jahrhunderts drehte sich der Trend. Weil insbesondere die aufstrebende Industrie dringend Arbeitskräfte suchte, zog es 1913 nur noch 26.000 Deutsche in die Ferne, umgekehrt wanderten fast 190.000 Ausländer ein.

Einhundert Jahre später sind die Migrationsströme ungleich größer: So wanderten 2012 mehr als 1 Million Menschen nach Deutschland ein, und mehr als 700.000 verließen das Land.

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