Interview

Nachgefragt bei Holger Schäfer

Holger Schäfer, Arbeitsmarktexperte im Institut der deutschen Wirtschaft Köln, über die ökonomischen Effekte von Zuwanderung.

Holger Schäfer ist Arbeitsmarktökonom im Institut der deutschen Wirtschaft Köln. FOTO: IW Medien

Zuwanderung löst bei vielen Menschen Ängste aus: Die einen denken, ihnen würde der Arbeitsplatz weggenommen, die anderen beklagen „Sozialtourismus“. Was ist davon zu halten?

Holger Schäfer: Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist Zuwanderung immer dann vorteilhaft für das Aufnahmeland, wenn die Zuwanderer erwerbstätig werden – was bei einem funktionsfähigen, flexiblen Arbeitsmarkt anzunehmen ist. Die zusätzlichen Erwerbstätigen produzieren zusätzliche Güter und Dienstleistungen, so dass der Wohlstand insgesamt zunimmt.

Die Frage ist nur, wem das zugutekommt…

Holger Schäfer: Das ist in der Tat nicht so ganz klar. So kann ein zusätzliches Arbeitskräfteangebot einen Anstieg der Löhne verhindern, das nützt vor allem Unternehmen. Und es ist auch nicht sicher, ob Einheimische in jedem Fall vom zusätzlichen Wohlstand profitieren. Vielleicht haben auch nur die Immigranten etwas davon – dann nämlich, wenn sie die Einheimischen aus dem Arbeitsmarkt drängen, weil diese nicht bereit sind, zu niedrigen Löhnen zu arbeiten. Wenn die Zuwanderung allerdings als Ersatz für ein aus demografischen Gründen schrumpfendes Arbeitskräftepotenzial dient, kommt es weder zu Lohndruck noch zu Verdrängung.

Sollten wir uns nicht darüber freuen, dass unsere Studenten in absehbarer Zeit keine allzu großen Zukunftsängste mehr haben müssen, anstatt Arbeitskräfte aus dem Ausland anzuwerben?

Holger Schäfer: Gerade die Zuwanderung von Hochschulqualifizierten ist vorteilhaft für Deutschland. Zwar kommt es dort, wo Zuwanderer zusätzlich auf den Arbeitsmarkt drängen, zu mehr Beschäftigung bei sinkenden oder zumindest weniger stark steigenden Löhnen. Das ist für die Hochqualifizierten aber zu verkraften, weil in ihrem Bereich des Arbeitsmarkts ohnehin seit Jahrzehnten faktisch Vollbeschäftigung bei überdurchschnittlichen Verdienstperspektiven herrscht. Im Sog der Zuwanderung könnten aber zusätzliche Arbeitsplätze für Geringqualifizierte entstehen. Denn nur dort, wo ein Ingenieur eine neue Maschine konstruiert, werden auch Arbeitskräfte benötigt, die die Maschine bauen, vermarkten, transportieren oder warten.

Aber es wollen doch auch weniger gut oder gar nicht ausgebildete Ausländer nach Deutschland kommen.

Holger Schäfer: Die Zuwanderung Geringqualifizierter ist eine arbeitsmarktpolitische Herausforderung. Wahrscheinlich werden sie Schwierigkeiten haben, eine Arbeit zu finden, weil die Arbeitslosigkeit in diesem Segment ohnehin überdurchschnittlich hoch ist. Die Zuwanderungspolitik hat dies erkannt und versucht, mehr Hochqualifizierte anzulocken und gleichzeitig die Einwanderung Geringqualifizierter zu erschweren.

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