Interview

„Der Emissionshandel muss einfacher werden“

Mit Emissionshandel kennt sich David Kroll aus. Er ist Fachleiter für Emissionshandel, Carbon Footprint und Herkunftsnachweise bei der GUTcert, einem Umweltgutachter, der unter anderem den CO2-Ausstoß von Firmen verifiziert. Im Interview spricht Kroll über die Tücken des Systems, Verfehlungen der Politik und mögliche Alternativen.

 

Herr Kroll, mit dem Kyoto-Protokoll wurde auch der Emissionshandel eingeführt. Wie funktioniert das Konzept?

David Kroll: Das ökonomische Prinzip dahinter ist simpel: Wer CO2 ausstoßen will, braucht dafür Zertifikate. Welchen Preis er dafür zahlt, entscheiden Angebot und Nachfrage innerhalb des Markts. Umso mehr Emissionen ein Unternehmen produziert, umso mehr Zertifikate muss es kaufen. Spart ein Unternehmen hingegen Emissionen ein, etwa durch neue Technologien oder Änderungen im Produktionsniveau, kann es seine Zertifikate an andere Unternehmen verkaufen. Das soll einen wirtschaftlichen Anreiz schaffen, insgesamt weniger CO2 auszustoßen.

Die Unterzeichner des Protokolls haben sich davon viel versprochen. Doch war es ein Erfolg?

Das kommt ganz drauf, von welcher Perspektive man es betrachtet. Aus politischer Sicht ist das Ziel, die Gesamtmenge der Emissionen zu definieren, zu steuern und damit auch zu begrenzen. Das ist durchaus passiert. Aber die Nutzung von fossilen Brennstoffen in Unternehmen zu vermeiden oder den Einsatz CO2-ärmere Technologien zu fördern, das hat nicht geklappt.

Warum nicht?

Es gibt zu viele Zertifikate auf dem Markt, was auch das Preisniveau extrem gedrückt hat. Dieses grundlegende Problem hat gleich zwei Gründe, die von der Politik von Anfang an vernachlässigt wurden. Das erste: Die Gesamtmenge der Zertifikate wurde aufgrund alter Daten zum CO2-Ausstoß berechnet, dass sog. „Grandfathering“. Das ist nicht per se schlecht. Doch durch die Finanz- und Wirtschaftskrise wurde die Produktion in den Unternehmen drastisch zurückgefahren. Dadurch brauchten die Unternehmen viel weniger Zertifikate als zugrunde gelegt. Weil Firmen viele ihrer Zertifikate verkaufen wollten, ist der Preis abgestürzt. Da hat sich die Politik verkalkuliert.

Und der zweite Fehler?

Die Politik hat die Zertifikate zu Anfang umsonst herausgegeben und so die Regulierung dem Markt überlassen. Das sollte einen sanften Übergang schaffen. Schlussendlich heißt das, wenn ein Unternehmen eine gewisse Menge CO2 produzierte, hat es die Zertifikate dafür einfach bekommen. Der Anreiz, die Emissionen zu drücken, sollte dann durch einen späteren Verkauf entstehen.

Was wäre denn eine Alternative gewesen?

Man hätte die Zertifikate versteigern sollen. Dadurch hätte sich von Anfang an ein Marktgleichgewicht ergeben. So haben wir eine extreme Überkapazität, die sich nur langsam wieder runterfahren lässt.

Darüber sollten sich die Unternehmen eigentlich freuen, denn sie müssen weniger zahlen. Doch viele Unternehmen klagen trotz der günstigen Preise über den Emissionshandel. Warum?

Das liegt an der Unsicherheit, der die Unternehmen ausgesetzt sind. Die Politik hat natürlich verstanden, dass die Implementierung nicht optimal gelaufen ist und fängt deshalb an, die Gesetze und Regulierungen zu verändern. Doch in den Unternehmen weiß niemand, an welcher Stellschraube als nächstes gedreht wird, mit welcher Preisentwicklung man rechnen muss oder aber welche Kosten auf sie zukommen. Das macht jegliche Kalkulation nichtig.

Welche Folgen hat das?

Die Unternehmen sind bei Investitionen in einem Dilemma, da sie nicht wissen, wie sie die Kosten für die Zertifikate einpreisen sollen. Denn es kann durchaus sein, dass es für Unternehmen günstiger ist, Zertifikate zu kaufen, anstatt in neuere Technologien zu investieren. Das hängt ganz vom Preis der Zertifikate ab. Was wir zurzeit beobachten ist, dass die Unternehmen mit einem sehr niedrigen Preis für die Zertifikate rechnen. Unter den Umständen lohnen sich große, energiesparende und CO2-mindernde Investitionen nicht. Die Unternehmen verbessern ihre Umweltbilanz also nicht.

Welcher Preis wäre denn angemessen?

Einen fixen Preis kann dafür niemand festlegen. Aber das Öko-Institut hat beispielsweise ausgerechnet, dass es sich ab einem Preis von etwa 30 bis 35 Euro pro Zertifikat nicht mehr lohnt, Braunkohle einzusetzen. Stattdessen würden die Unternehmen dann auf umweltfreundlichere Brennstoffe setzen, um die Zertifikate nicht kaufen zu müssen. Das ist natürlich nur ein Beispiel, aber ich denke, der Preis sollte sich auf einem solchen Level einpendeln.

Gibt es neben dem Emissionshandel denn eine Alternative, um die Emissionen der Unternehmen zu begrenzen?

Natürlich, diskutiert wird vieles. Einer der Hauptansätze wäre eine CO2-Steuer. Der Vorschlag kam auch schon des Öfteren aus der Politik. Er sieht eine fixe Steuer vor, statt eines aufwendigen Handels mit Zertifikaten. Das würde das System vereinfachen. Doch der größte Vorteil ist hier auch das größte Problem: Der Marktmechanismus würde wegfallen. Es wäre dann nicht möglich eine CO2-Gesamtmenge zu definieren oder einzuhalten. Denn Unternehmen würden – gerade in wirtschaftlich starken Jahren – die Zusatzkosten für die Emissionssteuer einfach hinnehmen. Ohne Zertifikate wären die Mengen, die Unternehmen ausstoßen, nicht mehr gedeckelt. Daneben gibt es dann noch den sogenannten „Upstream-Ansatz“. Das bedeutet nichts anderes als eine Steuer auf fossile Brennstoffe. Hier haben wir das gleiche Dilemma: Über hohe Steuern könnten wir den Markt lenken, niemals aber eine Gesamtmenge definieren oder durchsetzen. Wie viel CO2 ausgestoßen wird, entscheiden die Unternehmen. Das wäre meines Erachtens nach ein falsches politisches Signal.

Emissionshandel, CO2-Steuer oder Upstream-Ansatz, was davon halten sie für den besten Weg?

Der Emissionshandel ist und bleibt zurzeit das beste Modell. Als einziges Modell lässt er eine Regulierung über den Markt zu. Außerdem kann man die Menge der Zertifikate und damit auch die Gesamtmenge des CO2-Ausstoßes kontrollieren. Aber die Mechanismen müssen natürlich perfektioniert werden.

Was muss geändert werden?

Die Unternehmen brauchen endlich Planungssicherheit. Wir brauchen einen Preiskorridor von 20 bis 40 Euro pro Zertifikat. Erste Schritte in die Richtung gibt es bereits, etwa über die Einführung einer Marktstabilitätsreserve. Das heißt, der Staat nimmt Zertifikate vom Markt, kann sie bei einem Engpass aber wieder ausschütten. Das ist eine gute erste Änderung. Generell muss das System einfacher werden, sonst verfehlt es sein Ziel.


(Mai 2017)

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