Hintergrundtext

Reportage: Wie sich die Autostadt Detroit neu erfindet (2)

Der Weg zu Missis Davis führt vorbei an verbrannter Erde

Elpha Gene Davis ist Rentnerin. FOTO: IW Medien/Daniel Roth

Auf der hölzernen Veranda sitzen, mit den Nachbarn der Iroqouis Street klönen, der sonntägliche Kirchgang – das war lange Jahre das gute Leben von Elpha Gene Davis. Auf ihrer Veranda sitzt die 76-Jährige auch heute noch, nur die Nachbarn von damals sind längst weg.

„Sie sind dorthin, wo es noch Jobs gibt, so wie meine Söhne“, sagt die alte Frau, die knochigen Finger knotend. Schlimm sei es jetzt hier, all die verkohlten Ruinen in der Straße, „fast jede Nacht brennen Häuser, die Gangs kommen und zünden sie einfach an“.

Auch Missis Davis will weg, am besten sofort, aber die karge Rente reicht dafür nicht. „Ich möchte noch arbeiten“, sagt sie „als Stenotypistin, als Putzfrau, mir egal.“

Von einer kleinen Wohnung im Stadtzentrum träumt sie, dort, wo es noch sicherer ist und fast nie jemand schießt. 1.200 Dollar würde das kosten, monatlich, und sie weiß, dass dies für sie so realistisch ist wie eine Reise zum Mars.

Also wird sie bleiben, wie so viele, die weg wollen und es nicht können. Weil ihnen genauso das Geld fehlt. Vor allem aber, weil auch woanders niemand auf sie wartet.

Kaum einer weiß das besser als Professor Stephen Spurr, Arbeitsmarkt-Experte an der Detroiter Wayne-State-Universität. Er sitzt in seinem Minibüro, umgeben von Bergen aus Papier. Unten in der Mensa spachteln Studenten schon ihr Abendessen, aber Spurr mag noch nicht heim, er redet lieber über das, was falsch läuft in den USA.

„Das amerikanische Bildungssystem ist ein Desaster“, sagt Spurr. Das gelte fürs ganze Land, aber besonders für Detroit. „Fast die Hälfte der Erwachsenen in dieser Stadt kann kaum lesen und schreiben. Wie sollen diese Menschen jemals wieder einen Job finden, egal ob hier oder anderswo?“

Hoffnung macht Spurr dagegen die zuletzt etwas bessere Entwicklung auf dem landesweiten Arbeitsmarkt. „Insgesamt geht es in den USA aufwärts, langsam zwar, aber immerhin.“

Selbst in Detroit ist das spürbar, ein wenig zumindest. Die Autobauer, die in der Krise massenhaft Leute entlassen mussten, verkaufen wieder mehr Wagen. „Es stimmt, die Jobs dort sind jetzt wieder sicherer“, sagt Spurr. Und auch sonst entstünden neue Arbeitsplätze: „Gut Ausgebildete finden hier durchaus wieder ihre Chance.“ So wie Wesley Adams.

 

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