Hintergrundtext

Reportage: Wie sich die Autostadt Detroit neu erfindet

Einst beschäftigte die Autoindustrie in „Motor City“ 250.000 Menschen. Vorbei: Statt rauchender Schlote dominieren Ruinen das Stadtbild, Arbeitslosigkeit und Kriminalitätsrate sind beängstigend. Und doch weigert sich die Stadt aufzugeben. Zwei Reporter der Wirtschaftszeitung AKTIV, Ulrich Halasz (Text) und Daniel Roth (Fotos), haben sich in Detroit umgesehen und mit Gewinnern und Verlierern der Krise gesprochen.

Bryan Moore, Fließbandarbeiter bei General Motors, Detroit. FOTO: IW Medien/Daniel Roth

Jeden Morgen, wenn der Fließbandarbeiter Bryan Moore zur Arbeit fährt, wird ihm mal wieder klar, dass seine Zukunft irgendwie an einem seidenen Faden hängt. Oder besser gesagt: an einem Kabel.

Moores Kopfkino läuft so: Erst lenkt er seine himmelblaue Familienkutsche auf das Gelände des Autobauers General Motors in der Autometropole Detroit. Der Wachposten an der Schranke nickt, Moore nickt zurück. Eine Rechtskurve noch, und dann sieht er sie: ein Dutzend funkelnder Neuwagen vom Typ „Volt“, viel gelobt für den revolutionären Elektromotor unterm Blech.

In Reih und Glied stehen sie da, geparkt unter einem 80 Meter langen Solardach, und dicke orangefarbene Ladekabel kringeln sich hin zu Säulen mit Steckdosen. Manchmal hält Moore dann kurz an. Und fragt sich, ob die Zeit schon reif ist für Autos mit Elektromotor, die Kabel und Steckdosen brauchen statt bloß Sprit. Was Moore bei diesem Anblick empfindet, mäandert hilflos zwischen Stolz und Angst. „Ich weiß, wie gut dieses Auto ist, ich baue es ja jeden Tag“, sagt er sich. So klingt Bryan Moores Stolz.

„Aber wird diesen Wagen auch jemand kaufen? Und wenn nicht, was passiert dann mit meinem Job?“ So klingt Bryan Moores Angst. Und dann, beim Anblick all der fabrikneuen Volts und wie sie da an ihren Kabeln hängen, fällt ihm wieder auf, dass es ein bisschen so wirkt, als hinge die Zukunftshoffnung von General Motors – am Tropf.

So wie seine eigene. So wie die von ganz Motor City, wie Detroit wegen seiner glorreichen Auto-Vergangenheit genannt wird. So wie das ganze Land. Willkommen in den USA. Willkommen in einem Land am Tropf.

Mensch, Amerika, alter Freund, was ist los mit dir?

Fabrikruinen in Detroit. FOTO: IW Medien/Daniel Roth

Jahrzehntelang war das Land der unbegrenzten Möglichkeiten das Stehaufmännchen unter den Volkswirtschaften. Krisen kamen und gingen, Amerikaner verloren ihre Jobs und fanden doch schnell wieder neue. Und alle Welt staunte über die Fähigkeit Amerikas, sich immer wieder neu zu erfinden.

Irgendwas ist anders jetzt. Es wirkt, als habe sich Amerikas Wirtschaft eingemauert in ihrer Tristesse. Zu viele Arbeitslose, zu wenig Wachstum. Zu viele Schulden, zu wenig Nach­frage. Dazu, und das ist neu, wenig Optimismus: 63 Prozent der Amerikaner fürchten laut Umfragen, ihren derzeitigen Lebensstandard nicht mehr lange halten zu können. Es ist ungemütlich geworden im Land des Amerikanischen Traums.

Und wer das ganze Ausmaß der amerikanischen Krise sehen will, der muss nach Detroit kommen, nach Motor City. Die Stadt im Nordosten der Vereinigten Staaten an der Grenze zu Kanada galt einst als Weltzentrum des Automobilbaus. Hier erfand Henry Ford die Fließbandarbeit, die das Auto zum erschwinglichen Konsumgut für alle machte.

In den goldenen 50er-Jahren arbeiteten hier Hunderttausende für die „Big Three“ unter den US-Autobauern, General Motors, Ford und Chrysler. Detroit, das war der industrielle Kern Amerikas, das Malocher-Mekka.

Vorbei. General Motors und Chrysler überlebten die jüngste Krise nur dank staatlicher Finanzhilfen, trotz leichter Besserung ist die Auto-Industrie noch immer ein Pflegefall. Statt rauchender Schlote dominieren in Detroit jetzt riesige Brachflächen und zugemüllte Fabrikruinen das Stadtbild wie offene, eitrige Wunden.

Die Arbeitslosigkeit in Detroit pendelt um die 20 Prozent. Das Produkt der Perspektivlosigkeit ist Gewalt: 400 Morde pro Jahr in einer Stadt, die kleiner ist als Köln. Zum Vergleich: In ganz Deutschland gab es im vergangenen Jahr 814 Mordfälle. Good night, Detroit?

Bratkartoffeln und Rührei, aber irgendwie schmeckt’s ihm nicht

Der Journalist John Gallagher stochert in einem Café am Eastern Market lustlos in seinem Frühstück, vielleicht verliert man ja den Appetit angesichts all der schlechten Nachrichten.

Die aufzuschreiben ist sein Beruf: Seit einem Vierteljahrhundert berichtet Gallagher für sein Blatt, die „Detroit Free Press“, vom andauernden Niedergang seiner Stadt. Das klingt dann ungefähr so: „In den 70ern arbeiteten in Detroit mehr als 250.000 Menschen für die Auto-Industrie, heute sind nur noch 30.000 übrig. Noch Fragen?“

Und früher? „Wer bereit war, hart zu arbeiten und sich die Hände dreckig zu machen, der fand einen Job in der Auto-Industrie, egal ob mit oder ohne Schulabschluss.“

Fabrikarbeiters Paradies sei Detroit gewesen, sagt Galla­gher. Prima Einkommen, eigenes Haus, eigenes Auto, Ferienhaus mit Bootssteg, gute Schulen für die Kinder. „Und man hat gedacht, es würde immer so weitergehen.“ Es ging aber nicht so weiter, nur die Jobs gingen, nach Asien, nach Mexiko, „und sie werden auch nicht wiederkommen“.

Und jetzt? „Eine neue Gründerkultur braucht man hier, viele kleine Unternehmen, Leute, die sich was trauen, ein Risiko eingehen, Arbeitsplätze schaffen“, sagt Gallagher.

Immerhin: Erste Neuansiedlungen hat es bereits gegeben, regenerative Energie, Medizintechnik, Informationstechnologie. „Das ist unsere Zukunft“, sagt Gallagher. Zwar sei der Neuanfang noch nicht viel mehr als ein zartes Pflänzchen. „Aber es könnte klappen, nur wird es eben ein langer Weg.“

Wer hat so viel Geduld? Wie soll man sich durchschlagen in einem Land, in dem Arbeits­losengeld oft nur für ein paar Wochen gezahlt wird und in dem es danach in vielen Bundesstaaten nur noch ­Lebensmittelkarten gibt?

Vielleicht muss man Schrott verkaufen, so wie Dave Dershinski

Dave Dershinski ist derzeit ohne festen Job. FOTO: IW Medien/Daniel Roth

Der 31-Jährige steht auf einem staubigen Parkplatz in Romulus, einem verschnarchten Vorort Detroits, neben ihm brennen ein paar getränkte Lappen in einem alten Ölfass.

Es ist Flohmarkt, und Dershinski verkauft mal wieder alles, was sich noch irgendwie zu Dollars machen lässt. Alte Kameras und Eisenteile, Glasvasen, selbst ein abgebrochener Rückspiegel liegt auf seinem Tapeziertisch. Jede Woche steht er hier, mal springen 200 Dollar raus, mal mehr, dazu Foodstamps, Lebensmittelmarken, für 400 Scheine im Monat, „so überlebe ich halt“, sagt er.

Von der Hand in den Mund leben – so war’s nicht immer. Bis vor ein paar Monaten hatte der gelernte Klempner einen guten Job in der Industrie, „dann bekamen auf einen Schlag 95 Mann die Kündigung, und ich war einer davon“. Hoffnung auf einen Job hat er kaum. „Hard times“, sagt er, harte Zeiten.

Wenigstens der Trödel-Nachschub wird ihm nicht ausgehen: Er liegt buchstäblich auf der Straße. Rund 90.000 Häuser, schätzt die Stadtverwaltung, stehen leer in Detroit.

In ihren besten Jahren, als Detroit als prosperierendste Industriestadt der Welt galt, kratzte die Metropole an der Zwei-Millionen-Einwohner-Marke. Vor zehn Jahren zählte man noch 900.000 Detroiter. Heute sind es 700.000.

Erst verschwinden die Arbeitsplätze, dann die Bürger. Es sei immer dasselbe, sagt der Journalist John Gallagher: „Wenn die Leute die Raten fürs Haus nicht mehr zahlen können, gehen sie einfach, sie nehmen mit, was sie brauchen können, der Rest bleibt da.“ Dann kommen Trödelhändler wie Dershinski.

 

 

Alle Texte und Fotos dieser Reportage wurden zuerst am 16.12.2011 auf www.aktiv-online.info veröffentlicht.

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