Hintergrundtext

Die Ursachen der Euro-Schuldenkrise

Der Grund für die hohe Verschuldung insbesondere der südeuropäischen Staaten ist in der außenwirtschaftlichen Schieflage der Euro-Länder zu suchen.

FOTO: hunfi/Photocase

Das Problem der Europäischen Währungsunion heißt nicht nur Griechenland beziehungsweise griechischer Staatshaushalt – auch wenn das nach dem Aufruhr im Frühjahr 2010 so erscheinen mag. Wer die Krise verstehen will, muss sich das große Ganze anschauen: Die Spannungen in der Währungsunion rühren vor allem daher, dass sich die Euro-Länder wirtschaftlich völlig unterschiedlich entwickelt haben – und der Euro dieses Auseinanderdriften noch verstärkt.

Verschlechterte internationale Wettbewerbsfähigkeit der Südeuropäer

In Griechenland, Spanien, Italien und Portugal sind die Preise für Exportgüter seit den ersten Tagen der Währungsunion stark gestiegen, und zwar deutlich stärker als in den anderen Euro-Ländern. Das bedeutet: Die Südeuropäer konnten ihre Erzeugnisse in der Euro-Zone immer schwerer verkaufen, während Länder wie Deutschland, Österreich und Finnland glänzende Auslandsgeschäfte machten.

Dass die einen so gut dastehen, während die anderen so ausfuhrschwach sind, liegt nicht zuletzt an den sogenannte Lohnstückkosten: In Deutschland etwa fielen die Lohnerhöhungen in den vergangenen Jahren relativ bescheiden aus, Griechen und Spanier konnten sich dagegen über ordentliche Verdienstanstiege freuen. Das wäre an sich nicht einmal etwas Schlechtes – problematisch wird es erst dann, wenn sich die Produktivität der Arbeitskräfte nicht im selben Ausmaß verbessert wie ihr Gehalt. Die Folge war, dass die Lohnstückkosten in Deutschland von 2000 bis heute nur moderat gestiegen sind, während sie in Südeuropa und Irland um rund ein Drittel zulegten. Mit anderen Worten: Deutsche Produkte blieben auf den internationalen Märkten wettbewerbsfähig, südeuropäische Waren wurden teurer.

Defizite in den Handels- und Leistungsbilanzen

Die sich verschlechternde preisliche Wettbewerbsfähigkeit ging mit Defiziten in der Leistungsbilanz einher, die vornehmlich daher rührten, dass Länder wie Griechenland und Spanien mehr Güter aus dem Ausland einführten, als sie selber wegen ihrer hohen Preise verkaufen und ausführen konnten. Während zum Beispiel Griechenland 2007 in der Leistungsbilanz ein Minus von 16 Prozent hinnehmen musste, kam Deutschland auf einen beträchtlichen Überschuss von 7,6 Prozent (siehe auch Grafik „Außenwirtschaftliche Schieflage“).

Dass die Südeuropäer solche immensen Importüberschüsse haben, hängt jedoch nicht nur mit ihrer Exportschwäche zusammen. Es hat auch damit zu tun, dass Produkte aus den anderen Euro-Ländern in Südeuropa sehr gefragt sind. Griechenland und Spanien sowie anfangs auch Italien und Portugal erlebten durch den Euro einen kräftigen Wirtschaftsaufschwung. Die Unternehmen investierten und kauften die benötigten Maschinen oder Fahrzeuge auch jenseits der heimischen Grenzen ein. Die Menschen hatten Arbeit, sie verdienten besser als früher und gaben nicht nur zu Hause Geld aus. Die Folge war ein starkes Wachstum der Importe – letztlich also eine Art Kaufrausch auf Pump.

Der Boom, den der Euro Südeuropa gebracht hat, erklärt sich vor allem über bestimmte Zinseffekte. Zunächst führte die einheitliche Geldpolitik der Europäischen Zentralbank zu relativ niedrigen Leitzinsen – das ist der Zinssatz, zu dem sich die Geschäftsbanken bei der Zentralbank Geld leihen können. Außerdem entfällt bei einer einheitlichen Währung das Risiko einer Abwertung der nationalen Währung wie früher der Drachme. Sowohl der Staat – der griechische wie der spanische oder der italienische – als auch die Unternehmen konnten also zu günstigeren Konditionen Kredite aufnehmen. Schon das kurbelte die Wirtschaft kräftig an. Hinzu kam dann noch der sogenannte Realzinseffekt: In den boomenden Ländern stiegen die Preise – bei weitgehend gleichen Zinsen – schneller als im übrigen Europa. Je höher die Inflation, desto günstiger werden aber die tatsächlichen Kreditzinsen, denn die Zins- und Tilgungs-Raten bleiben ja gleich. Das alles hat Kreditgeber und Kreditnehmer unvorsichtig werden lassen: Inlands- wie Auslandsverschuldung stiegen immer weiter – so lange,  bis die Situation kippte. Als erstes traf es das Land an der Ägäis: Plötzlich befürchteten die potenziellen Käufer der Staatsanleihen, dass Griechenland Schwierigkeiten haben könnte, seine Schulden zurückzuzahlen, und sie verlangten für dieses Risiko einen kräftigen Zinsaufschlag.

Ökonomische Ungleichgewichte sind in einer Währungsunion problematisch

Die unterschiedlichen Vorzeichen in den Leistungsbilanzsalden der Euro-Länder sind vor allem deshalb so bedrohlich für die gemeinsame Währung, weil ein Land, das mehr importiert als exportiert, also mehr ausgibt als einnimmt, sich in aller Regel im Ausland verschuldet, um seine Einkäufe bezahlen zu können – das gilt sowohl für Bürger und Unternehmen als auch für den Staat. Auf Dauer kann das zu einer kaum noch tragfähigen Gesamtverschuldung führen. Innerhalb der Währungsunion ist das Problem für die betroffenen Länder nur schwer zu lösen. Denn:

  • Es gibt keinen Ausgleich über den Wechselkurs. Normalerweise würde die Währung eines Landes mit wirtschaftlichen Problemen und Exportschwäche gegenüber der Währung einer boomenden Exportnation abwerten – aus einem einfachen Grund: Das eine Zahlungsmittel ist international gefragt, das andere weniger. Dadurch aber würden die Produkte (und auch die Dienstleistungsangebote, zum Beispiel im Tourismus) für Kunden aus dem Ausland erschwinglicher, was den Export gewissermaßen von allein belebt. Zugleich würden die Importe teurer. Unter den Euro-Ländern gibt es jedoch keine Wechselkurse mehr – also auch keine Ab- und Aufwertung.
  • Es gibt keine eigenständige Geldpolitik. Eine nationale Zentralbank – wie früher die Deutsche Bundesbank – orientiert sich bei ihren geldpolitischen Entscheidungen im Regelfall auch an der jeweiligen konjunkturellen Situation im Land: Boomt die Wirtschaft, werden die Leitzinsen zumeist herauf gesetzt, um den Anstieg der Preise in Grenzen zu halten. Schwächelt die Wirtschaft, können die Zinsen gesenkt werden, was tendenziell die Investitionsbereitschaft der Unternehmen erhöht und die Konjunktur wieder ankurbelt.

In der Europäischen Währungsunion gibt es jedoch eine einheitliche Geldpolitik, sprich den gleichen Leitzins für alle 17 Euro-Länder. Konjunkturadäquat wäre diese Politik nur, wenn sich die Wirtschaft in allen Mitgliedsländern ähnlich entwickeln würde. Genau das war – und ist – in der Euro-Zone aber nicht der Fall. Für die boomenden südeuropäischen Länder waren die Zinsen lange Zeit zu niedrig.

Weil Euro-Länder in der Krise weder die Möglichkeit haben, durch eine Währungsabwertung ihre Exporte und damit die Wirtschaft zu beleben, noch die Geldpolitik zum Aufschwung beiträgt, bleibt ihnen nur eins: Ihre Erzeugnisse müssen über günstigere Preise international konkurrenzfähiger werden. Um das zu erreichen, dürfen die Löhne nicht zu stark steigen oder müssen tendenziell sogar sinken. Das jedoch ist innenpolitisch oft nur sehr schwer durchzusetzen, wie die vehementen Proteste in Griechenland und anderen Ländern gezeigt haben.

 

(Stand: September 2011)

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