Hintergrundtext

Kurz-Portraits der Schuldenländer

Zwar haben die Wackelkandidaten der Euro-Zone alle ein und dasselbe Problem, nämlich zu hohe Schulden, die ökonomischen Hintergründe sind jedoch längst nicht überall gleich.

Zunächst ein Rückblick auf die Anfänge der Europäischen Währungsunion: Am 2. Mai 1998 hat der Europäische Rat in der Zusammensetzung der Staats- und Regierungschefs der damals 15 EU-Mitglieder entschieden, welche Länder am 1. Januar 1999 zu den Gründungsmitgliedern der Währungsunion gehören sollten. Laut Artikel 109 des EU-Vertrags sollten zwar nur jene Länder den Euro einführen, die auch die sogenannten Konvergenzkriterien erfüllten – dazu zählt eine Gesamtverschuldung von maximal 60 Prozent des BIP und ein Haushaltsdefizit von höchstens 3 Prozent des BIP. Tatsächlich aber haben bereits damals fast alle Länder gegen das 60-Prozent-Kriterium verstoßen – nämlich Belgien, Dänemark, Deutschland, Griechenland, Irland, Italien, die Niederlande, Österreich, Portugal, Schweden sowie Spanien – und Griechenland war der einzige Staat, der zudem auch das 3-Prozent-Kriterium nicht erfüllen konnte. Ausschlaggebend waren damals die Werte des Jahres 1997.

1. Griechenland

Das Land befindet sich derzeit in der größten Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg. Sein Bruttoinlandsprodukt schrumpfte nicht nur im Jahr 2010 um 4,5 Prozent, auch für 2011 wird ein Minus von mindestens 3 Prozent erwartet. Die griechische Wirtschaft besteht zum überwiegenden Teil aus Dienstleistungen (rund 70 Prozent), während der Anteil der Industrie mit rund 12 Prozent relativ klein ist (zum Vergleich: in Deutschland beträgt der Industrie-Anteil 25 Prozent). Auffallend ist vor allem der große – und wachsende – öffentliche Sektor: Arbeiteten im Jahr 2005 noch 8,5 Prozent aller Beschäftigen in der Öffentlichen Verwaltung (einschließlich Verteidigung und Sozialversicherungen), so waren es 2010 schon 9 Prozent.

Die griechische Handelsbilanz schreibt seit Jahren tiefrote Zahlen. Zwar ist das Minus infolge sinkenden Import nach der Finanz- und Wirtschaftskrise gesunken, dennoch kaufte Griechenland auch im Jahr 2010 für gut 31 Milliarden Euro mehr Waren und Dienstleistungen im Ausland ein, als es umgekehrt ins Ausland verkaufte. Im Jahr 2008 hatte das Handelsbilanzdefizit sogar 43 Milliarden Euro betragen.

Hinter der extrem hohen Staatsverschulung von fast 160 Prozent des BIP steckt die Tatsache, dass Kredite für Griechenland mit dem Euro-Beitritt wesentlich günstiger wurden – und die Griechen das ausnutzten, um ihren Konsum anzukurbeln. Da diesem Wohlstand auf Pump keine entsprechenden (Export-)Einnahmen gegenüberstanden, hat Griechenland im Laufe der Jahre extrem hohe Leistungsbilanzdefizite aufgebaut. Zu den größten strukturellen Problemen Griechenlands zählen ein überdimensionierter und zugleich ineffizienter Staat, ein desolates Steuersystem, ausufernde Sozialausgaben und nicht zuletzt eine schon lange nicht mehr wettbewerbsfähige Wirtschaft.

Griechenland 2010 auf einen Blick

Quellen: Eurostat, OECD
Einwohner in Millionen11,3
Wirtschaftswachstum in Prozent-4,5
BIP pro Kopf in Euro20.400
Leistungsbilanzsaldo in Prozent des BIP-8,6
Inflationsrate in Prozent gegenüber Vorjahr4,7
Arbeitslosenquote (Mai 2011)15,2
Staatsschulden
in Prozent des BIP (Mai 2011)
158
Haushaltsdefizit
in Prozent des BIP (Mai 2011)
-9,5

     

2. Portugal

Die knapp 11 Millionen Portugiesen waren bei der Gründung der Währungsunion neben den Griechen die ärmsten Mitglieder in der EU. Sieht man von den neuen Mitgliedern aus Ost- und Mitteleuropa ab, ist das auch heute noch so: Mit einer Wirtschaftsleistung von 16.300 Euro pro Kopf und Jahr ist Portugal das Schlusslicht unter jenen Ländern, die 1999 in die Währungsunion starteten. Dass die Portugiesen heute wesentlich höher verschuldet sind als damals, hat – wie in Griechenland – mit den vermeintlichen Vorteilen des Euro zu tun: Mit der neuen Währung bekam das Land auf den Finanzmärkten zu den gleichen Konditionen Kredite wie zum Beispiel Frankreich oder Deutschland; plötzlich war also ein Leben in Wohlstand möglich – wenn auch auf Pump.

Doch während die Löhne kräftig stiegen, entwickelte sich die Wirtschaft nicht weiter, mit dem Ergebnis, dass Portugal gemessen an seiner Leistungsfähigkeit schlichtweg zu teuer wurde und die Unternehmen das Land reihenweise verließen, vor allem, um sich an den günstigeren Standorten in Osteuropa niederzulassen.

Portugals Kernproblem ist der Mangel an wettbewerbsfähigen Industrien mit exportfähigen Produkten; außerdem befinden sich zu viele Unternehmen im Staatsbesitz. Das Land leistet sich einen überdimensionierten Beamtenapparat, der rund 15 Prozent aller Erwerbstätigen beschäftigt - trotzdem gilt die portugiesische Verwaltung als ineffizient. Ein weiteres Problem ist der Mangel an qualifiziertem Nachwuchs: Portugal hat, gemessen an allen Erwerbstätigen, nur etwa halb so viele Menschen mit Hochschulabschluss wie im Durchschnitt der EU.

Portugal 2010 auf einen Blick

Quellen: Eurostat, OECD
Einwohner in Millionen10,7
Wirtschaftswachstum in Prozent1,3
BIP pro Kopf in Euro16.300
Leistungsbilanzsaldo in Prozent des BIP-9,9
Inflationsrate in Prozent gegenüber Vorjahr2,0
Arbeitslosenquote (Mai 2011)12,3
Staatsschulden
in Prozent des BIP (Mai 2011)
102
Haushaltsdefizit
in Prozent des BIP (Mai 2011)
-5,9

    

3. Irland

Kaum ein anderes EU-Land hat in den vergangenen drei Jahrzehnten einen so großen Aufschwung geschafft wie das kleine Irland. Noch Mitte der 1980er Jahre hatte die Republik mehr Schulden, als alle Einwohner in einem Jahr erwirtschafteten. Mit jährlichen Wachstumsraten von 7 bis 10 Prozent und mit Hilfe von EU-Finanzspritzen katapultierte sich Irland nach oben und erreichte Ende der 1990er Jahre ein Pro-Kopf-BIP, das höher war als der EU-Durchschnitt.

Dazu beigetragen hat auch die Tatsache, dass Irland seine Unternehmenssteuern Ende der 1980er Jahre auf 10 Prozent senkte und damit ausländische Unternehmen anzog wie ein Magnet - insbesondere die Finanzwirtschaft. Viele Banken gründeten auf der grünen Insel Zweckgesellschaften und lagerten so ihre hochriskanten Geschäfte aus – auch, weil die staatlichen Regulierungen in Irland bei weitem nicht so umfangreich waren in anderen Ländern.

Die Folge war, dass der Kreditsektor in Irland einerseits bald fast ein Drittel zum Bruttoinlandsprodukt beisteuerte – und Irland andererseits von der Finanzkrise besonders heftig getroffen wurde. Allein im Jahr 2008 beschloss die Regierung in Dublin ein Sparpaket von fast 15 Milliarden Euro, das entsprach 9 Prozent des BIP. Und damit Irland die Auflagen erfüllen konnte, die der Internationale Währungsfonds und die EU an ihre Hilfspakete knüpften, folgten in den Jahren 2009 und 2010 vier weitere Sparprogramme, die unter anderem aus drastischen Einschnitten bei den Sozialleistungen sowie den Löhnen und Gehältern bestanden und deshalb heftige Proteste der Bevölkerung auslösten. Von den 85 Milliarden Euro des Rettungsschirms gingen allein 35 Milliarden Euro in die Rettung irischer Banken.

Im Krisenjahr 2009 erlebte Irland mit minus 7,6 Prozent einen noch größeren Wachstumseinbruch als Deutschland. Doch wie die Bundesrepublik erholte sich die Insel extrem schnell und konnte schon 2011 wieder schwarze Wachstumszahlen schreiben.

Aktuell hat Irland mit 112 Prozent des BIP (Mai 2011) zwar eine doppelt so hohe Staatsverschuldung wie bei seinem Beitritt zum Euro, und auch privat sind die Iren hoch verschuldet. Aufgrund der inzwischen wieder guten Wirtschaftsverfassung rechnen Experten jedoch damit, dass Irland den Rettungsschirm schon bald wieder verlassen kann – immer vorausgesetzt, das Land kann seinen angeschlagenen Bankensektor heil über die Runden bringen und wird nicht von einer neuerlichen Finanzkrise getroffen.

 Irland 2010 auf einen Blick

Quellen: Eurostat, OECD, EU-Kommission
Einwohner in Millionen4,5
Wirtschaftswachstum in Prozent-1,0
BIP pro Kopf in Euro34.400
Leistungsbilanzsaldo in Prozent des BIP-0,7
Inflationsrate in Prozent gegenüber Vorjahr0,8
Arbeitslosenquote (Mai 2011)14,6
Staatsschulden
in Prozent des BIP (Mai 2011)
112
Haushaltsdefizit
in Prozent des BIP (Mai 2011)
-10,5

         

4. Italien

Die drittgrößte Volkswirtschaft des Euro-Raums ist – anders als Griechenland, Portugal und Irland – nicht durch die Finanzkrise in die roten Zahlen gerutscht, sondern praktisch allein durch ihre quasi traditionell schlechte Haushaltsführung. Italien hatte schon bei seiner Aufnahme in die Währungsunion vor gut 20 Jahren eine Gesamtverschuldung von 122 Prozent des BIP – und fast exakt so hoch sind die Schulden heute noch immer. In Europa stehen nur die Griechen noch tiefer in der Kreide. Da Italien sowohl 2010 als auch 2011 bei der Neuverschuldung die EU-Vorgabe von maximal 3 Prozent des BIP reißen wird, türmen sich die Schulden noch weiter auf.

Hinzu kommt, dass Italien im Gegensatz zu den anderen beiden großen Euro-Ländern Frankreich und Deutschland auch beim Wachstum hinterherhinkt. Ein Grund dafür ist, dass Italiens Wirtschaft in den aufstrebenden Schwellenländern nicht besonders stark engagiert ist und folglich auch nicht vom Boom dieser Regionen profitieren kann. Der Inlandsmarkt leidet dagegen vor allem unter den sinkenden Bauinvestitionen und unter der Kaufzurückhaltung der Verbraucher.

Das wohl größte Problem aber ist die Regierung in Rom. Ministerpräsident Silvio Berlusconi, Chef einer Mitte-Rechts-Koalition, hat aufgrund zahlreicher Affären und Skandale so viel Rückhalt in der Bevölkerung verloren, dass er nach Ansicht internationaler Beobachter nicht mehr in der Lage ist, die dringend benötigten Wirtschaftsreformen in seinem Land durchzusetzen.

 Italien 2010 auf einen Blick

Quellen: Eurostat, OECD, EU-Kommission
Einwohner in Millionen60,5
Wirtschaftswachstum in Prozent1,3
BIP pro Kopf in Euro25.600
Leistungsbilanzsaldo in Prozent des BIP-1,6
Inflationsrate in Prozent gegenüber Vorjahr2,1
Arbeitslosenquote (Mai 2011)8,4
Staatsschulden
in Prozent des BIP (Mai 2011)
120
Haushaltsdefizit
in Prozent des BIP (Mai 2011)
-4,0

       

5. Spanien

Die Probleme der Iberischen Halbinsel lassen sich kaum mit denen von Griechenland, Portugal oder Irland vergleichen. Spanien hat gerade mal eine Staatsverschuldung von 68 Prozent seines BIP – und trotzdem befindet es sich in der schwersten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten und wird von den Finanzmärkten mit Argusaugen beobachtet. Der Grund dafür ist, dass Spanien seinen außergewöhnlich langen Aufschwung von Mitte der 1990er Jahre bis 2007 zu einem Großteil dem privaten Wohnungsbau zu verdanken hatte – und als die Immobilienblase dann im Zuge der Finanzkrise platzte, verloren Hunderttausende ihre Häuser, die Bauwirtschaft brach ein und die Arbeitslosenquote stieg von 8,3 Prozent im Jahr 2007 auf fast 21 Prozent im Jahr 2010. Weil die Quote unter den bis zu 25-Jährigen sogar bei mehr als 40 Prozent liegt, protestieren die jungen Leute in Madrid, Barcelona und anderen Städten seit Monaten gegen die Sparpolitik von Ministerpräsident Zapatero, der deshalb für November 2011 vorgezogene Neuwahlen angekündigt hat.

Spanien steht vor erheblichen Reformen seiner Wirtschaftsstruktur. Das Land muss seinen Arbeitsmarkt neu aufstellen, sein Erziehungs- und Ausbildungswesen modernisieren und, vor allem, sein Finanzsystem reformieren, denn zu viele spanische Banken haben ihr Geschäftsmodell einseitig auf das Immobiliengeschäft ausgerichtet und stehen nun vor existenziellen Problemen.

 Spanien 2010 auf einen Blick

Quellen: Eurostat, OECD, EU-Kommission
Einwohner in Millionen45,3
Wirtschaftswachstum in Prozent-0,1
BIP pro Kopf in Euro23.100
Leistungsbilanzsaldo in Prozent des BIP-4,6
Inflationsrate in Prozent gegenüber Vorjahr1,8
Arbeitslosenquote (Mai 2011)20,6
Staatsschulden
in Prozent des BIP (Mai 2011)
68
Haushaltsdefizit
in Prozent des BIP (Mai 2011)
-46,3

       

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