Hintergrundtext

Bargeld in der Diskussion

Die Europäische Zentralbank will den 500-Euro-Schein abschaffen, der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank findet Bargeld gar generell überflüssig. Welche Überlegungen stecken dahinter?

FOTO: Fotolia/RGtimeline

Wer an der Supermarktkasse einen 500-Euro-Schein zückt, kann sich einer gewissen Aufmerksamkeit sicher sein – allein schon deshalb, weil viele Menschen noch nie einen gesehen haben. Das war schon im Jahr 2008 so, als die Europäische Zentralbank (EZB) die Deutschen und die Bürger sieben weiterer Euroländern nach der 500 Euro-Note befragt hat, und daran dürfte sich bis heute nicht viel geändert haben. Schließlich werden Einkäufe in dieser Größenordnung relativ selten bar, sondern bevorzugt mit Karte bezahlt:

Im Jahr 2014 hatten nur 6 Prozent der Bundesbürger regelmäßig 300 Euro oder mehr in der Tasche.

Für das Gros der Bundesbürger ist es demnach eigentlich egal, dass die EZB Anfang Mai 2016 beschlossen hat, den 500-Euro-Schein Schritt für Schritt aus dem Verkehr zu ziehen. Damit werde, so die Begründung, „Bedenken Rechnung getragen, dass diese Banknote illegalen Aktivitäten Vorschub leisten könnte.“ Auf gut Deutsch: Die Scheine werden viel von Kriminellen benutzt, etwa zur Steuerhinterziehung mit dem berühmt-berüchtigten Koffer voller Scheine oder zur Geldwäsche.

Die Entscheidung fällt in eine Zeit, in der darüber diskutiert wird, ob Bargeld nicht gleich komplett ausrangiert werden sollte. „Das hat nichts mit einer Verringerung von Bargeld zu tun“, hatte EZB-Präsident Mario Draghi zwar bereits im Februar versichert, als er dem Europaparlament seinen Plan zur Abschaffung der größten Euro-Banknote erläuterte. Die 500er werden nach und nach durch neue 100er- und 200er-Scheine ersetzt, wertmäßig bliebe die Bargeldmenge also gleich. Dass es aber keine Pläne gibt, auch andere große Scheine oder gar das ganze Bargeld aus dem Verkehr zu ziehen, wollen Draghis Kritiker nicht glauben – zumal sich die Stimmen mehren, die genau das fordern.

Neben dem Wirtschaftsweisen Peter Bofinger hat sich in Deutschland einer der beiden Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank, John Cryan, dezidiert für eine Welt ohne Bargeld ausgesprochen. In zehn Jahren werde es das wahrscheinlich nicht mehr geben. „Es ist einfach schrecklich ineffizient“, sagte der Manager auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Während einige Banken gern die Kosten loswürden, die ihnen zum Beispiel durch Transport, Lagerung und Bewachung von Bargeld entstehen, führen andere Bargeld-Kritiker eher übergeordnete gesellschaftliche und ökonomische Gründe ins Feld – den Kampf gegen das Verbrechen und die Stimulierung der Konjunktur.

Bargeld nutzt Kriminellen

Um keine Spuren zu hinterlassen, werden illegale Geschäfte häufig bar abgewickelt. In der Drogenszene ist der Bargeldanteil besonders hoch, ebenso beim illegalen Waffen- und beim Menschenhandel. Die Gewinne daraus fließen dann in die Geldwäsche. An der globalen Wirtschaftsleistung hatte das gewaschene Geld in den Jahren 1996 bis 2009 einen Anteil von 2 bis 5 Prozent, schätzt der Internationale Währungsfonds – und Deutschland gilt in Rankings regelmäßig als eines jener Länder, die bei Geldwäschern besonders beliebt sind. Um den Rückfluss von illegalem Geld in die Wirtschaft zu bremsen, möchte die Bundesregierung eine Obergrenze für Bar-Transaktionen von 5.000 Euro einführen. Alle höheren Beträge müssten elektronisch und damit unter Angabe der Personalien beglichen werden. Meldepflichtig ist der Empfang von Bargeld-Beträgen ab 15.000 Euro allerdings schon heute; außerdem müssen Beträge von 10.000 Euro und mehr bei der Ein- und Ausreise beim Zoll angemeldet werden.

Bargeld kann die Belebung der Konjunktur verhindern

Seit der Wirtschafts- und Finanzkrise im Jahr 2008 haben die Zentralbanken weltweit die Leitzinsen gesenkt, um die Wirtschaft zu stützen. Im Euroraum liegt der wichtigste Leitzins inzwischen bei 0 Prozent. Einige Ökonomen plädieren dafür, dass der Zins noch weiter – also in den negativen Bereich – sinken sollte. Wer Geld auf dem Konto hat, müsste dann Zinsen zahlen, erlitte also einen Wertverlust. Die Befürworter des Negativzinses glauben, dass Menschen dann nicht mehr so viel sparen würden, sondern ihr Geld lieber ausgeben und so die Wirtschaft ankurbeln. Mit dem Wirtschaftsaufschwung käme Europa aus der Krise, so das Kalkül. Doch die Idee hat einen Haken: Bargeld ist zinslos. Weder gibt es dafür Zinsen noch zahlt man darauf welche. Solange es also Bargeld gibt, können die Bürgerinnen und Bürger sich ihre Bankguthaben einfach Schein für Schein auszahlen lassen und woanders aufbewahren, und sei es unter der sprichwörtlichen Matratze. Davon hätte die Wirtschaft dann gar nichts.


(Stand: Mai 2016)

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