Interview

„Zuletzt fühlten sich 60 Prozent der Bundesbürger der Mittelschicht zugehörig – so viele wie noch nie“

Judith Niehues, Expertin für Mikrodatenanalyse und Umverteilung im Institut der deutschen Wirtschaft Köln, beantwortet Fragen zur wissenschaftlichen Betrachtung der Mittelschicht.

Dr. Judith Niehues forscht im Institut der deutschen Wirtschaft Köln zur Lage der Mittelschicht in Deutschland FOTO: IW Medien

Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung ist die Mittelschicht in Deutschland geschrumpft. Weshalb kommen Sie zu einem anderen Ergebnis?

Die größten Unterschiede in den Studien zur Mittelschicht ergeben sich dadurch, dass unterschiedliche Zeiträume verglichen werden. Als zweiter Punkt kommt hinzu, dass es keine allgemeingültigen Abgrenzungen für die Einkommensschichten gibt. Die Bertelsmann Stiftung zum Beispiel verortet die Mittelschicht zwischen 70 und 150 Prozent des Medianeinkommen, verschiedene internationale Studien beginnen erst bei 75 Prozent und das Statistische Amt der EU arbeitet mit der Spanne von 60 bis 200 Prozent. Deshalb weichen auch die Ergebnisse etwas voneinander ab.

Sie haben fünf statt drei Einkommensschichten gebildet. Macht das die Sache nicht komplizierter?

Wir wollten durch diese Einteilung verhindern, dass schon jene Menschen als reich gelten, die 2.500 Euro netto im Monat verdienen, also das Anderthalbfache des Medians. Eine Befragung für den aktuellen Armutsbericht der Bundesregierung ergab zum Beispiel, dass Reichtum nach Einschätzung der Bundesbürger im Schnitt erst bei einem Haushaltsnettoeinkommen von 9.100 Euro anfängt. Fünf Schichten zu verwenden, hat außerdem den Vorteil, dass unsere weite Abgrenzung von 60 bis 250 Prozent eine Art Obergrenze für die Mittelschicht bildet und die enge Definition von 80 bis 150 Prozent die Untergrenze – beide haben langfristig betrachtet einen ziemlich stabilen Anteil an der Bevölkerung.

Alleinerziehende und ihre Kinder gehören so gut wie nie zur Mitte. Wie kommt das?

Diesen Müttern – und manchmal auch Vätern – fällt es sehr schwer, Familie und Beruf zu verbinden. Ein Vollzeitjob mit einem mittleren oder hohen Einkommen und Karriereperspektiven ist für sie kaum erreichbar.

Gibt es auch gute Nachrichten?

Die gibt es. Laut einer Umfrage fühlten sich zuletzt 60 Prozent der Bundesbürger der Mittelschicht zugehörig. So viele waren es noch nie. Das ist nicht nur erfreulich, sondern auch besonders wichtig für den sozialen Zusammenhalt.

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