Hintergrundtext

Das gute Gewissen isst mit

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Gerade in westlichen Industrieländern gilt keineswegs ausschließlich das Kaufkriterium „billig, billig“. Kritische Konsumenten achten vor allem beim Lebensmitteleinkauf nicht nur auf Geschmack und Preis, sondern auch auf die Produktionsbedingungen ihrer Speisen und Getränke.

Selbst eine so simple Sache wie eine Tasse Kaffee wird schnell komplex, wenn man alles „richtig“ machen will: Stammen die Bohnen aus ökologischem Anbau? Ist der Kaffee fair gehandelt worden? Schadet Koffeingenuss der Gesundheit? Wäre es nicht ohnehin besser, etwas ganz anderes zu trinken, weil die Herstellung der Kaffeebohnen, die man für eine einzige Tasse schwarzen Muntermacher braucht, mit 140 Litern Wasser zu Buche schlägt?
Immer mehr Menschen beschäftigen sich mit solchen Fragen. Der Soziologe Ulrich Beck hat für diesen Typus Verbraucher den Begriff des „politischen Konsumenten“ entwickelt, eine Weile hatte auch die Bezeichnung „Loha“ (Lifestyle of Health and Sustainability) Konjunktur, derzeit spricht man schlicht und einfach von den „kritischen Konsumenten“. Gerade beim Lebensmitteleinkauf geht es vielen Verbrauchern nicht nur um Bedürfnisbefriedigung, sondern ums große Ganze: um die Artenvielfalt, das Klima, faire Löhne für die Bauern in den Entwicklungs- und Schwellenländern, sozialverträgliche Arbeitsbedingungen, Ressourcenschonung, aber auch um die Bevorzugung regionaler und saisonaler Produkte. Das Gewissen sitzt quasi mit am Esstisch.

Essen und gleichzeitig Gutes tun – geht das?

Letztlich steckt hinter all den hehren Absichten dieselbe Idee: Der Konsum soll „nachhaltig“ sein. Der Begriff „Nachhaltigkeit“ stammt ursprünglich aus der Forstwirtschaft. Demnach soll einem Wald nur so viel Holz entnommen werden, dass er lebensfähig bleibt und seine ökologischen, ökonomischen und sozialen Funktionen (zum Beispiel als Lebensraum für Tiere und als Naherholungsgebiet) weiter erfüllen kann. Dieses Prinzip lässt sich übertragen: Nachhaltig ist alles, was auf Dauer ökonomisch, ökologisch und sozial tragfähig ist. Die Vereinten Nationen definieren Nachhaltigkeit so: „Entwicklungen zukunftsfähig zu machen, heißt, dass die gegenwärtige Generation ihre Bedürfnisse befriedigt, ohne die Fähigkeit der zukünftigen Generation zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen.“ Doch wie kommt man nun in Industrieländern zu einem nachhaltigen Lebensmittelverbrauch? Woran können kritische Konsumenten erkennen, welche Produkte ihren Ansprüchen genügen? Welche Nahrungsmittel als „biologisch“ bezeichnet werden dürfen, ist klar geregelt, sogar gesetzlich – verbindliche Standards für die Nachhaltigkeit im Allgemeinen fehlen dagegen. Allein in Deutschland gibt es knapp 1.000 verschiedene Siegel für nachhaltig hergestellte Produkte.

Unternehmensinitiativen und Auszeichnungen

Darüber hinaus haben auch die Handelsunternehmen selbst eine ganze Reihe von Initiativen ins Leben gerufen, die sich um das Thema Nachhaltigkeit drehen. Die REWE Group zum Beispiel hat das Label „Pro Planet“ entwickelt. Es kennzeichnet konventionell hergestellte Produkte, bei deren Erzeugung Umwelt und Gesellschaft weniger belastet werden als sonst üblich. 
Ein anderes Beispiel ist der Tiefkühlkost-Hersteller Frosta: Er will seine Treibhausgas-Emissionen bis 2013 um 70 Prozent reduzieren und weist deshalb auf seinen Produkten den sogenannten CO2-Fußabdruck aus – also die Summe der direkten und indirekten Treibhausgas-Emissionen, die bei der Herstellung entstanden sind. Zu dieser Praxis geht auch die britische Supermarktkette Tesco über. Die Metro wiederum hat einen „Nachhaltigkeitsrat“ eingerichtet, und die Edeka-Gruppe will ab kommendem Jahr in ihren Supermärkten nur noch Fisch aus nachhaltigem Fang oder nachhaltiger Zucht verkaufen.
Der Bundesverband kritischer Verbraucherinnen und Verbraucher, die „Verbraucher Initiative“, zeichnet seit 2009 „Nachhaltige Handelsunternehmen“ aus. In diesem Herbst gab es in der Kategorie „Nahrungs- und Genussmittel“ Gold-Medaillen für die Fair-Handelsorganisation GEPA, die REWE-Group und für das Handelsunternehmen tegut.

Nachhaltig essen – was auch noch eine Rolle spielt

Trotz all der Siegel, Initiativen und Auszeichnungen ist es gar nicht so leicht, sich wirklich nachhaltig zu ernähren. So kam die Zeitschrift Ökotest in ihrer Septemberausgabe zu dem Schluss, dass nur 14 von 53 Regionalprodukten diesen Namen wirklich verdienen. Auch Biowaren sind nicht automatisch die bessere Wahl – Bio-Tiefkühl-Pommes etwa können genau genommen gar nicht nachhaltig sein, weil sich die Ökobilanz durch die Verarbeitung automatisch verschlechtert. Zudem stammen Bio-Lebensmittel nicht zwangsläufig aus der Region, und sie genügen auch nicht immer den Kriterien des fairen Handels. 
Selbst der Ernährungsstil beeinflusst, wie nachhaltig der Konsum ist: Menschen, die Fleisch essen, verursachen im Durchschnitt etwa doppelt so viele Treibhausgas-Emissionen wie Vegetarier. Das liegt daran, dass die Fleischproduktion deutlich größere Mengen an Treibhausgasen freisetzt als Anbau und Verarbeitung pflanzlicher Lebensmittel.

Weniger Lebensmittel wegwerfen

Gleich ob vegan oder konventionell, bio oder fair – ein besonders großer Schritt in Richtung nachhaltiger Konsum wäre getan, wenn weniger Lebensmittel weggeworfen würden. Nach Angaben der Welternährungsorganisation landet ein Drittel der weltweit für den menschlichen Verzehr produzierten Lebensmittel auf dem Müll; in den Industrieländern wird schätzungsweise sogar die Hälfte der Nahrungsmittel weggeworfen (siehe Grafik): In Europa und in den USA werden pro Person jährlich zwischen 280 und 300 Kilogramm Lebensmittel verschwendet, also nicht gegessen oder getrunken – durchschnittlich 95 bis 115 Kilo davon wirft jeder Verbraucher selbst in den Abfalleimer, die restliche Verschwendung geht auf das Konto von Produzenten und Handel. Dadurch werden letztlich riesige Mengen an Energie, Wasser, Arbeitskraft und Herstellungs-, Transport- sowie Lagerkosten vergeudet – und Umwelt und Klima unnötig belastet. 

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