Pro & Contra

Sind Fleischesser Klimasünder?

Tanja Dräger de Teran ist Referentin für Ernährung beim WWF Deutschland.

Sie sagt: „Fleischkonsum heizt unser Klima an“

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Weltweit wächst der Appetit auf Fleisch – in Deutschland verharrt der Fleischkonsum mehr oder weniger auf hohem Niveau. Derzeit werden weltweit mehr als 1,4 Milliarden Rinder, jeweils etwa eine Milliarde Schweine und Schafe und rund 19 Milliarden Hühner gehalten. All diese Tiere müssen gefüttert werden. Die dafür benötigten Flächen (Acker- und Weideland) nehmen bereits heute ein Drittel der gesamten Landoberfläche ein. Die Viehwirtschaft zählt damit mit Abstand zum weltweit größten Landnutzer und wirkt so in unterschiedlicher Weise auf das Klima ein.

Insgesamt wird geschätzt, dass auf die Viehwirtschaft etwa 18 Prozent der globalen Treibhausgas-Emissionen zurückzuführen sind. Etwa ein Drittel der Emissionen aus der Viehwirtschaft ist auf die Lagerung und Anwendung von Düngemittel zurückzuführen, das für die Produktion von Futtermitteln wie etwa Soja benötigt wird. Weitere 25 Prozent sind auf den Ausstoß von Methan durch Wiederkäuer zurückzuführen, ein weiteres Drittel der Emissionen auf sogenannte Landnutzungsänderungen. Die Emissionen werden hierbei vor allem durch die Rodung von Wäldern, insbesondere in Südamerika, verursacht.

Auch die Pro-Kopf-Werte des statistischen „Durchschnittsdeutschen“ verdeutlichen die enormen Auswirkungen unseres Fleischkonsums auf die Umwelt. So verursacht jeder Deutsche pro Jahr Treibhausgas-Emissionen von etwa 11 Tonnen. Davon sind 1,5 bis 2 Tonnen auf unsere Ernährung zurückzuführen. Davon wiederum gehen über 40 Prozent auf das Konto von tierischen Lebensmitteln. Pflanzliche Lebensmittel fallen mit knapp 8 Prozent dagegen nur gering ins Gewicht. Der größere „Klima-Fußabdruck“ bei der Erzeugung tierischer Lebensmittel wird durch verschiedene Faktoren verursacht: Wesentlich ist unter anderem der hohe Energieeinsatz bei der Produktion von Futtermitteln. Dazu kommen sogenannten Veredelungsverluste – sie besagen nichts anderes, als dass die in der Futterpflanze enthaltene Energie größtenteils durch den Stoffwechsel der Tiere verloren geht. Um 1 Kilogramm Fleisch zu erzeugen, werden je nach Tierart und Haltungsform etwa 6 bis 16 Kilogramm Getreide benötigt. Aber auch die Methanproduktion der Wiederkäuer vergrößert den Klima-Fußabdruck von tierischen Lebensmitteln. Vor diesem Hintergrund lässt sich erklären, dass pflanzliche Lebensmittel im Durchschnitt nur etwa ein Zehntel der Treibhausgas-Emissionen tierischer Produkte erzeugen. So betragen beispielsweise die durchschnittlichen Emissionen für ein Kilo Rindfleisch über 13.000 Gramm Kohlendioxid, Schwein und Geflügel kommen auf 3200 beziehungsweise 3500 Gramm Kohlendioxid pro Kilo. Gemüse hingegen liegt bei nur etwa 150 Gramm, Kartoffeln bei 200 und Weizen bei 415 Gramm Kohlendioxid.

Je mehr Gemüse also auf den Teller kommt, desto besser für das Klima – und auch für die Gesundheit, denn die Deutschen essen noch immer wesentlich mehr Fleisch als empfohlen. Auch „besseres“ Fleisch ist unter diesem Gesichtspunkt zu empfehlen. Dazu zählt zum Beispiel Biofleisch, birgt doch der ökologische Landbau einige Vorteile in Bezug auf das Klima: vor allem einen wesentlich geringeren Energieeinsatz, einen reduzierten Stickstoffeintrag und ein höheres Potenzial, Kohlendioxid aus der Atmosphäre in den Böden zu binden.

Mehr Informationen und Diskussionsmöglichkeiten für Jugendliche bietet der WWF Deutschland auf der Webseite „Die Fleischfrage”.

Dr. Hubertus Bardt ist Leiter des Kompetenzfelds Umwelt, Energie, Ressourcen im Institut der deutschen Wirtschaft Köln

Er sagt: „Lasst den Menschen ihr Fleisch“

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Auch die Landwirtschaft hat Einfluss auf den Klimawandel und ist verantwortlich für einen nicht zu vernachlässigen Teil der Treibhausgasemissionen. So weit, so richtig. Und dass durch die Produktion von Lebensmitteln aus Lebensmitteln, also mit der Verfütterung von Pflanzen an Tiere, mehr Ressourcen aufgewendet und mehr Treibhausgase freigesetzt werden, ist auch klar. Aus einem Kilogramm Mais wird nicht ein Kilogramm Schweinefleisch.

Aber man kann es sich nicht so einfach machen, Fleischessen als Klimasünde zu brandmarken und nur Vegetarier als verantwortungsvolle Esser gelten zu lassen. Die größten Klimagas-Emissionen der Landwirtschaft stammen aus zwei Quellen: Rinderzucht ist die eine, Nassreisanbau die andere. Auch fleischloses Reisessen kann das Klima schädigen. Und wenn man frisches Obst erst einmal einfliegen muss, kann die Klimabilanz auch schlechter ausfallen als bei heimischem Fleisch.

Der Ansatzpunkt sollte weniger darin liegen, die Konsumgewohnheiten der Menschen grundsätzlich verändern zu wollen oder gar Fleisch zeitweise aus öffentlichen Kantinen zu verbannen, wie es zuletzt auch der Wissenschaftliche Beirat Globale Umweltveränderungen vorgeschlagen hatte. Die Herausforderung liegt vielmehr darin, das, was die Menschen mögen – und dazu gehört vielfach Fleisch –, so zu produzieren, dass es mit möglichst geringen Umweltfolgen verbunden ist. Zumal es ohnehin kaum vorstellbar ist, die Ernährungsgewohnheiten der halben Welt verändern zu wollen. Fleisch ist ja nicht nur in wohlhabenden westlichen Gesellschaften Teil des Alltags, sondern wird in immer mehr Ländern mit steigendem Wohlstand ein selbstverständlicher Teil der Ernährung. Der Fleischbedarf wird also global eher steigen als sinken. Da helfen auch keine Appelle.

Was also tun? Wenn man die Produktion von Treibhausgasen bei der Fleischproduktion verringern will, muss man sich die Produzenten der Gase genauer anschauen. Methan – als Treibhausgas 21-mal klimaschädlicher als Kohlendioxid – wird von wiederkäuenden Kühen produziert. Auch daran lässt sich nichts Grundlegendes ändern. Durch Züchtung kann man jedoch die Menge des produzierten Methans reduzieren. Forschung und Entwicklung können also auch hier ein Schlüssel zu besserem Klimaschutz sein.

Wenn das Klima auf globaler Ebene geschützt werden soll, dann müssen Möglichkeiten geschaffen werden, die Wünsche der Menschen auf klimafreundlichere Art und Weise zu erfüllen. Mit detaillierter Regulierung, spitzfindigen Verboten und dem Durchgriff des Staates auf den Speiseplan des Einzelnen macht man den Leuten den Klimaschutz eher madig. Damit ist niemandem geholfen.

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