Hintergrundtext

25 Jahre besser Wessi?

Obwohl die ostdeutsche Wirtschaft einige Erfolge verzeichnet, hat Deutschlands Osten den Westen auch nach 25 Jahren noch nicht eingeholt. Doch das liegt weniger an der wirtschaftlichen Schwäche der neuen Bundesländer, sondern vielmehr an der Stärke der alten Länder.

Frankfurt ist Deutschlands Banken-Hauptstadt. FOTO: NilsZ/Fotolia

Stärke Nummer eins: Zuwanderung

Menschen gehen dahin, wo es Arbeit gibt. Deswegen sind allein in den ersten drei Jahren nach dem Mauerfall unterm Strich mehr als 900.000 Menschen aus den neuen Bundesländern nach Westdeutschland gezogen. Danach ebbte die Wanderungswelle zwar ab, doch auch in den folgenden 20 Jahren bis 2012 summierte sich die Nettozuwanderung in Westdeutschland noch auf 950.000 Ost-Bürger. 2013 war der der Wanderungssaldo erstmals ausgeglichen.

Seit dem Mauerfall hat Ostdeutschland durch die Abwanderung und den Rückgang der Geburtenrate 15 Prozent seiner Einwohner verloren – heute leben dort 2 Millionen Menschen weniger als zu DDR-Zeiten (Grafik). Die Einwohnerzahl Westdeutschlands ist dagegen um fast 2,8 Millionen auf 64,7 Millionen gestiegen. Und nicht zu vergessen die Arbeitnehmerfreizügigkeit in der EU: Heute sind es nicht mehr Sachsen und Brandenburger, die in Scharen nach Nordrhein-Westfalen und Bayern strömen, sondern Menschen aus Ost- und Südeuropa.

Rein statistisch hat die schrumpfende Einwohnerzahl in Ostdeutschland zwar den positiven Nebeneffekt, dass die Pro-Kopf-Werte steigen, weil sich die Wirtschaftsleistung auf weniger Einwohner verteilt. Doch die Wirtschaftsleistung ist eben auch nicht unabhängig von den Menschen: Wo viele leben, florieren die Geschäfte eher als in Regionen, deren Bevölkerung schwindet. Hinzu kommt, dass es vor allem gut qualifizierte junge Menschen waren, die es in den Jahren nach der Wende gen Westen zog.

 

 

Stärke Nummer zwei: Metropolregionen

Westdeutschland profitiert auch davon, dass es mehr Ballungsräume hat als der Osten. Sechs von sieben sogenannten Metropolregionen liegen in Westdeutschland, von Nord nach Süd gesehen sind das Hamburg, das Ruhrgebiet, das Rheinland, Frankfurt, Stuttgart und München – in Ostdeutschland dagegen gibt es nur die Hauptstadt. Bis auf das Ruhrgebiet sind all diese Ballungszentren wachsende Regionen – ihre Attraktivität gerade für jüngere, qualifizierte Menschen beruht einerseits auf dem großen Angebot an Arbeitsplätzen und Karrierechancen, andererseits auf der kulturellen Vielfalt und dem hohen Freizeitwert.

Weil sich außerdem 65 von 75 deutschen Großstädten mit mehr als 100.000 Einwohnern in den alten Bundesländern befinden, hat Westdeutschland einen viel größeren Anteil an städtischer Bevölkerung als der Osten. Es gilt: Je dichter besiedelt eine Region ist, desto höher ist auch die Wirtschaftsleistung je Einwohner. Spitzenreiter sind hier zwar die kleineren Großstädte Wolfsburg und Ingolstadt, in erster Linie dank der Autokonzerne, die dort ihren Sitz haben. Ein sehr hohes Pro-Kopf-BIP haben aber beispielsweise auch Frankfurt, Düsseldorf und München. Die Metropolregionen sind eindeutig die wirtschaftlichen Zugpferde des Westens – sie bergen aber auch sozialen Sprengstoff.

Stärke Nummer drei: Industrie

Der wirtschaftliche Erfolg der Bundesrepublik fußt nach wie auf der – westdeutschen – Industrie. Deutschland ist die zweitgrößte Exportnation der Welt nach China und hatte im Jahr 2013 Exporterlöse von 1,1 Billionen Euro. Sage und schreibe 93 Prozent davon gehen auf das Konto westdeutscher Industriebetriebe. Besonders hoch ist der Anteil der Industrie an der Wertschöpfung in Baden-Württemberg, Bayern, Rheinland-Pfalz und dem Saarland. Auch Nordrhein-Westfalen ist ein bedeutender Industriestandort, was den absoluten Wert der industriellen Erzeugnisse betrifft – der Beitrag des Verarbeitenden Gewerbes zur Bruttowertschöpfung ist dort allerdings etwas kleiner als in den südlichen Bundesländern (siehe Grafiken).

In Westdeutschland steuerte die Industrie zuletzt 23 Prozent zur Bruttowertschöpfung bei, während es in Ostdeutschland nur 17 Prozent waren.

Dass die Industrie im Westen so stark ist, hängt auch mit ihrer hohen Produktivität zusammen: Im Jahr 1991 erwirtschaftete das westdeutsche Verarbeitende Gewerbe 41.400 Euro je Erwerbstätigen, 2013 waren es schon 76.500 Euro, also satte 80 Prozent mehr. Auch die ostdeutsche Industrie ist in dieser Zeit deutlich produktiver geworden, was aber in erster Linie auf das extrem niedrige Ausgangsniveau der Nachwendezeit zurückzuführen ist. Seit Mitte der neunziger Jahre, als der Vereinigungsboom endete, hat sich ihr Rückstand auf die westdeutsche Konkurrenz absolut gesehen nicht mehr verkleinert.

Was im Westen immer noch besser funktioniert als im Osten, ist das Zusammenspiel in etablierten Branchenclustern, in denen Betriebe eines Wirtschaftszweigs auf einen gemeinsamen Pool an Fachkräften, Bildungseinrichtungen und Forschungsinstituten zugreifen können und enge Lieferbeziehungen pflegen. Die jeweils größten europäischen Cluster wichtiger Industriebranchen finden sich in westdeutschen Bundesländern, so zum Beispiel der Automobilbau rund um Stuttgart und in Oberbayern, der Maschinenbau in Ost-Württemberg, Elektrotechnik und Elektronik in München und Nürnberg sowie die Chemie- und Pharma-Industrie in Ludwigshafen, Frankfurt und Leverkusen. Zwar haben sich auch in Ostdeutschland inzwischen erste Branchenschwerpunkte herausgebildet, doch die meisten Ost-Cluster sind als Satelliten – oder auch sogenannte verlängerte Werkbänke – der West-Cluster entstanden und nach wie vor von diesen abhängig.

Stärke Nummer vier: Konzerne und Großunternehmen

Ein weiterer Vorteil der alten Bundesländer hängt unmittelbar mit den starken Clustern zusammen: Deren Herzstück ist nämlich meist ein großer Konzern wie Daimler, Siemens oder Bayer. Alle 30 deutschen DAX-Unternehmen, die größten börsennotierten Aktiengesellschaften (AGs), sitzen in Westdeutschland – 9 haben ihren Hauptsitz in Nordrhein-Westfalen, 8 in Bayern und 5 in Hessen, darunter die Großbanken. Von den 50 MDAX-Unternehmen, den AGs der zweiten Reihe, ist gerade einmal eins im Osten ansässig, nämlich die Axels Springer AG in Berlin. Neben den börsennotierten Firmen hat Westdeutschland auch große, auf den Weltmärkten etablierte Familienunternehmen wie den schwäbischen Motorsägenhersteller Stihl und das Schrauben- und Werkzeug-Unternehmen Würth aus Künzelsau. Von diesen „Hidden Champions“, den heimlichen Weltmarktführern, gibt es in Deutschland insgesamt 1.400 – mehr als in jeden anderen Land der Welt. Und auf diesem Feld liegen auch die größten Hoffnungen für Ostdeutschland. Denn die Bundesländer östlich der Elbe haben auf absehbare Zeit wohl keine Chance auf einen börsennotierten Konzern, weil eine Verlagerung des Hauptsitzes in aller Regel unwahrscheinlich ist. Es ist aber durchaus realistisch, dass der eine oder andere starke Mittelständler aus dem Osten weiter wächst und im Konzert der Großen mitspielen kann.

Stärke Nummer fünf: Forschung und Entwicklung

Zwar hat Ostdeutschland dank der öffentlichen Mittel gute Universitäten und Forschungsinstitute, in der Privatwirtschaft sieht es jedoch mau aus: Die Hälfte aller 375.000 in der Forschung und Entwicklung (FuE) tätigen Fachkräfte ist in Großunternehmen mit mehr als 10.000 Mitarbeitern beschäftigt – also im Westen, denn im Osten gibt es davon kein einziges, das auch seine Zentrale, und damit die Forschungsabteilung vor Ort hat. Hinzu kommt noch die unterschiedliche Branchenstruktur: Im Westen sind die forschungsintensiven Branchen stärker vertreten, zum Beispiel der Flugzeugbau und die Medizintechnik. Von daher ist es nur logisch, dass die neuen Ländern je Einwohner gerechnet nicht einmal halb so viele FuE-Beschäftigte haben wie die alten Länder. Auch das trägt dazu bei, den Vorsprung des Westens und seiner Industrie zu zementieren, denn die Forschungsleistung und daraus resultierende Innovationen sind ein wesentlicher Treiber der Wertschöpfung.

 

(Stand: April 2015)

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