Pro & Contra

Atomausstieg – Chance oder Risiko?

Deutschland will bis 2022 aus der Atomenergie aussteigen. Birgt dieser Schritt mehr Chancen oder mehr Risiken?

FOTO: Wuppertal Institut

Dr. Hans-Jochen Luhmann ist Projektleiter in der Forschungsgruppe Zukünftige Energie- und Mobilitätsstrukturen im Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie

Er sagt: „Der Atomausstieg eröffnet Chancen“

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Es herrscht vielerorts eine ungenaue, um nicht zu sagen irrige Vorstellung davon, was als Konsequenz aus den Kernschmelzen in Fukushima-Daiichi in Deutschland eigentlich beschlossen worden ist.

Beschlossen wurde nicht das, worin sich beinahe alle gesellschaftlichen Gruppen, von den Kirchen über die Regierung bis hin zu allen Oppositionsparteien, einig waren: Es gibt keinen „frühestmöglichen“ Atomausstieg; die Bundesregierung will keinen „schnelleren Einstieg in das Zeitalter der erneuerbaren Energien“, als sie bereits im Sommer 2010 gesagt hat; und es gibt keine Sicherheitskonsequenzen für jene Kernkraftwerke, die noch etwa zehn Betriebsjahre lang laufen dürfen.

In Kraft gesetzt hat der Bundesrat am 8. Juli 2011 vielmehr ein Paket aus acht Gesetzen, deren jeweilige Bedeutung in etwa proportional ist zu ihrem Anteil am Gesamtumfang von 700 Seiten. Dabei nimmt die Rücknahme der Laufzeitverlängerung vom Sommer 2010 nur rund 20 Seiten in Anspruch. Das ist der „negative“ Teil des Beschlusses, bei dem es darum geht, etwas Vorhandenes abzubauen. Die Kehrseite dazu ist der Aufbau. Da, beim „Positiven“, liegt der Schwerpunkt des Gesetzespakets zur Energiewende. Und da liegen logischerweise auch die Chancen.

Zunächst zum Abbau: Der jetzige Atomausstieg wurde so konzipiert, dass er hinsichtlich der Reststrommengen identisch ist mit dem Atomkonsens von Rot-Grün aus dem Jahr 2000: Jedes der neun Kernkraftwerke, die noch am Netz sind, kann im Durchschnitt noch so viel Elektrizität produzieren, dass die Strommenge von „32 Betriebsjahren“ zusammen kommt – deswegen wurde der späte Ausstiegstermin 2021/22 gewählt. Sicherheitsvorkehrungen als Konsequenz aus Fukushima sind für sie nicht mehr vorgesehen. Es bleibt nur Daumen-Drücken, dass es noch zehn Jahre lang gut geht und nicht auf den letzten Drücke noch etwas schief geht.

Zum Aufbau: Festzuhalten ist zunächst das Eingeständnis, dass über zehn Jahre lang keine systemischen Vorkehrungen dafür getroffen wurden, die zunehmenden Strommengen aus den volatilen erneuerbaren Quellen zu integrieren – weder von Rot-Grün noch von Schwarz-Rot. Es war, als ob beide Regierungen ihrem Ausstiegsbeschluss selbst nicht trauten, sondern mit seiner Revision rechneten. Damit ist es nun vorbei. Die Aufgabe, das Elektrizitätssystem ins postfossile Zeitalter zu überführen, ist parteiübergreifend angenommen. Dies ist der entscheidende Fortschritt. Denn das, was immer Atomausstiegsbeschluss genannt wird, ist im Kern etwas anderes: Es ist Ausdruck der – eigentlich überfälligen – Akzeptanz des Wandels zur postfossilen Gesellschaft, der von allen Parteien zu gestalten ist.

Elektrizitätswirtschaftlich ist es keine Herausforderung, „mindestens ... 35 Prozent spätestens bis ... 2020“ an regenerativ erzeugtem Strom zu erreichen, d.h., auf der Erzeugerseite bereitzustellen. Die Herausforderung besteht vielmehr im Netzausbau sowie darin, die passenden, ergänzenden Kraftwerkskapazitäten zu schaffen. Und da der Staat nicht selbst der Investor ist, geht es vor allem um die Neugestaltung der (Anreiz-)Regeln im liberalisierten Strommarkt. Das Problem bei Kraftwerken mit fossilen (präziser: chemisch speicherbaren) Brennstoffen beispielsweise besteht darin, dass sie in Zukunft unter komplett veränderten Grundvoraussetzungen laufen : Sie müssen vor allem für den Ausgleich der zunehmenden Lastlücken sorgen, die das volatile Einspeiseverhalten von Wind- und Solarstrom mit sich bringt. Dadurch verringert sich ihre Auslastung und der jährliche Amortisationsbeitrag aus dem schlichten Kilowattstunden-Verkauf geht immer stärker zurück. Um die sich perspektivisch verschlechternde Wirtschaftlichkeit auszugleichen, hat die Bundesregierung zwar kurzfristig ein neues Kraftwerksförderprogramm aufgelegt, es bedarf aber einer systematischen Lösung, und die kann nur darin bestehen, vom jetzigen Marktregime mit seiner reinen Orientierung am Kilowattstundenpreis abzurücken.

Die Politik konzentriert sich heute und in den nächsten Jahren darauf, jene Aufgaben abzuarbeiten, die das Ziel einer dominanten CO2-freien Stromversorgung bis 2050 erfordert: Das sind der Aus- beziehungsweise Umbau des Netzes sowie ein Zubau an gesicherter Kraftwerksleistung in Höhe von 28 Gigawatt. Das Augenmerk liegt somit auf dem Aufbau, und das ist auch gut so – „positiv“ eben.

FOTO: IW Medien

Dr. Hubertus Bardt ist Leiter des Kompetenzfelds Umwelt, Energie, Ressourcen im Institut der deutschen Wirtschaft Köln

Er sagt: „Der Atomausstieg birgt auch Risiken“

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Die Energiewende ist beschlossen – und zwar nicht erst seit Sommer 2011. Sie ist bereits vor mehr als einem Jahrzehnt eingeleitet worden: Das Erneuerbare Energien-Gesetz ist seit dem Jahr 2000 in Kraft und hat damit das Stromeinspeisegesetz von 1991 abgelöst. Der erste Beschluss zum Ausstieg aus der Atomenergie trat ebenfalls vor zehn Jahren in Kraft. Zwei Dinge sind in den letzten Jahren weitgehend zum parteiübergreifenden Konsens geworden: Erneuerbare Energien werden immer wichtiger, und die Kernenergie soll nur für einen begrenzten Zeitraum genutzt werden. Uneinigkeit bestand über die Geschwindigkeit, in der die Umbauprozesse vorangehen sollen.

Die Bundesregierung hatte mit ihrem Energiekonzept im Herbst 2010 einen weiteren drastischen Ausbau der erneuerbaren Energien beschlossen und langfristige Ziele festgelegt. Gleichzeitig sollte die Laufzeit der Kernenergie verlängert werden. Die Energiewende war beschlossene Sache. Mit dem erneuten Ausstiegsbeschluss im Sommer 2011 wurde lediglich das Ende der Kernkraft beschleunigt. 22 Prozent der bisherigen Stromerzeugung müssen bis 2022 durch andere Quellen, Importe oder Energieeinsparungen ersetzt werden. Allein die im März stillgelegten ältesten Kernkraftwerke kamen auf 5 Prozent der Erzeugungskapazitäten und standen von heute auf morgen nicht mehr zur Verfügung.

Eine solche Operation im Eiltempo ist nicht ohne Risiken. So sind die Börsenpreise für Strom schon mit dem Teilausstieg um einen Cent je Kilowattstunde angestiegen. Ein Cent klingt nicht nach viel, summiert sich aber für die Industrie zu 1,9 Milliarden Euro.

Um die Energiewende zu realisieren, müssen eine Reihe von Voraussetzungen erfüllt sein: Netze müssen gebaut, Speicher entwickelt und Ersatzkraftwerke genehmigt und realisiert werden. Gleichzeitig gehen zwar verschiedene Szenarien von einem sinkenden Stromverbrauch, deutlich günstigeren erneuerbaren Energien und einem vollständig europäisierten Stromnetz aus. Diese Voraussetzungen einer erfolgreichen Energiewende sind aber alles andere als sicher. Hier muss genau beobachtet und notfalls politisch nachgesteuert werden.

Entscheidend für die Zukunft wichtiger Teile der deutschen Industrie wird es sein, die nationalen Zusatzkosten für Strom nicht noch weiter in die Höhe zu treiben. Es macht keinen Sinn, den energieintensiven Industriezweigen mit ihren ohnehin schon hocheffizienten Anlagen das Leben am Standort Deutschland dadurch schwer zu machen, dass Strom hierzulande besonders teuer ist. Die Investitionszurückhaltung dieser Branchen über die letzten Jahre ist durchaus ein Grund zur Sorge.

Die Energiewende kommt nicht von alleine. Der Atomausstiegsbeschluss vom Sommer 2011 mag das Ende einer langen und ideologisch geführten Auseinandersetzung sein. Die Arbeit fängt aber erst an. Die Risiken der Energiepolitik für Preise und Versorgungssicherheiten genau zu beobachten und entsprechend zu reagieren, wird die große Herausforderung der nächsten Jahre sein.

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