Hintergrundtext

Deutschland im Gerechtigkeitsvergleich

Wie gerecht es in einem Land zugeht und ob anderswo nicht alles besser ist, darüber kann man lange spekulieren und noch länger diskutieren – doch Belege für die eine oder andere Sichtweise fehlen zumeist. Um diese Lücke zu schließen, hat das Institut der deutschen Wirtschaft Köln einen internationalen Gerechtigkeitsindex entwickelt.

FOTO: Fotolia/Alexander Raths

Dass Gerechtigkeit für die Bundesbürger ein wichtiges Thema ist, steht außer Frage. Laut einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach im Winter 2012/2013 halten über zwei Drittel die wirtschaftlichen Verhältnisse in Deutschland für ungerecht und knapp die Hälfte bezweifelt, dass die Aufstiegschancen gut sind (Grafik). Trotzdem glaubt immerhin fast jeder Vierte, im sozial gerechtesten Land der Welt zu leben. Nur Schweden schneidet im Urteil der Deutschen noch besser ab, Frankreich und die USA dagegen hält kaum jemand für sonderlich gerecht.

 

 

Um zu beurteilen, ob sich die subjektiven Einschätzungen auch objektiv bestätigen lassen, müsste Gerechtigkeit messbar sein. Doch funktioniert das überhaupt? Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) hat es versucht und einen Index entwickelt, mit dem sich unterschiedliche Aspekte von Gerechtigkeit grenzüberschreitend vergleichen lassen.

Ein Maß für die Gerechtigkeit

In diesem internationalen Gerechtigkeitsindex hat die Bundesrepublik 2012 65 Punkte gesammelt und belegt zusammen mit den Niederlanden unter 28 Ländern Rang 7 (Grafik unten). Ganz vorne liegen drei skandinavische Länder: Norwegen mit 79 Punkten, Schweden mit 76 und Dänemark mit 74. Schlusslicht ist die Türkei mit 30 Punkten – und zwar ziemlich weit hinter dem Vorletzten Rumänien mit 41 Punkten. Generell fällt auf, dass die Nordeuropäer die vorderen Plätze belegen, die süd- und osteuropäischen Länder dagegen zusammen mit den USA auf den hinteren Plätzen zu finden sind.

 

 

Große Veränderungen im Zeitablauf gab es in den einzelnen Ländern kaum – Deutschland aber hat sich in den letzten Jahren immerhin etwas verbessert: Im Jahr 2010 lag die Bundesrepublik noch auf Platz 9 hinter den Niederlanden und der Schweiz. Der Blick auf Punktzahlen und Platzierungen in den einzelnen Kategorien (Stand 2010) offenbart gleichwohl noch Steigerungsmöglichkeiten (Grafik unten):

  • In der Kategorie Einkommensgerechtigkeit landet Deutschland im hinteren Mittelfeld. Dass die skandinavischen Länder hier führen, hängt vor allem damit zusammen, dass dort traditionell mehr Wert auf staatliche Umverteilung gelegt wird, während die angelsächsischen und kontinentaleuropäischen Ländern das Leistungsprinzip wichtiger nehmen. So rangieren etwa die USA, die Schweiz, Kanada und Frankreich noch hinter Deutschland.
  • Bei der Chancengerechtigkeit ist der deutsche Abstand zu Platz 1 mit 29 Punkten am größten. Vergleichsweise schlecht steht die Bundesrepublik zum Beispiel in Sachen Langzeitarbeitslosigkeit da, und auch der Anteil der Bildungsausgaben an den gesamten Staatsausgaben ist ausbaufähig. Trotzdem haben sich die Chancen für viele Bundesbürger seit 2005 verbessert, was zu einem Großteil darauf beruht, dass die Arbeitslosigkeit gesunken ist: Im Jahr 2012 lag die Arbeitslosenquote im Schnitt bei nur 6,8 Prozent, sieben Jahre zuvor waren es noch 11,7 Prozent.
  • Die Kategorie Generationengerechtigkeit fällt dadurch auf, dass kein Land wirklich gut da steht, also bei jedem Indikator hohe Werte erzielt. So punkten schwach industrialisierte Länder wie Rumänien und Griechenland zwar mit einem niedrigen Energieverbrauch, haben dafür aber eine hohe Staatsverschuldung – beides ist letztlich auf die wirtschaftliche Schwäche zurückzuführen. Deutschland dagegen ist bei der Ressourcenschonung trotz seiner starken Industrie relativ fortschrittlich. Nicht in der ersten Liga spielen die hiesigen Unternehmen dagegen bei den Investitionen in die Zukunft, also in Sachen Forschung und Entwicklung.
  • Recht gut schneidet Deutschland bei der Sicherung der Grundbedürfnisse ab. Mit ihren sozialen Sicherungssystemen sammelt die Bundesrepublik 70 Punkte und liegt damit auf Platz 8. Ein Land mit einer bekanntermaßen dürftigen sozialen Absicherung und hohen Armutsquoten sind die USA – es erstaunt daher kaum, dass die Vereinigten Staaten mit gerade einmal 11 Zählern in der Kategorie Bedarfsgerechtigkeit abgeschlagen auf dem letzten Platz liegen. Der Vorletzte – die Türkei – bringt es immerhin auf 28 Punkte.
  • Aus den Werten für die Leistungsgerechtigkeit lassen sich nur schwer Schlussfolgerungen ziehen, denn die verwendeten Indikatoren hängen stark von der Situation am Arbeitsmarkt ab. Deshalb stehen zum Beispiel die USA und Großbritannien eher schlecht da, obwohl dort ein ausgeprägtes Leistungsdenken herrscht. Deutschland liegt in dieser Kategorie im oberen Mittelfeld – es kann also keine Rede davon sein, dass sich Leistung hierzulande nicht lohnen würde.

 

(Stand: November 2013)

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