Hintergrundtext

Die wirtschaftliche Lage des Handwerks

Der Winter war mild, auf dem Bau brummt es – da kann auch das Handwerk in Deutschland kaum klagen. Ungemach droht indes aus Brüssel und von der europäischen Konkurrenz.

FOTO: Fotolia/Kara

Auf das Jahr 2013 blicken die gut 1 Million Handwerksfirmen in Deutschland mit gemischten Gefühlen zurück, das Jahr 2014 begann dagegen vielversprechend – und beide Jahre sind Paradebeispiele für einen der wichtigsten konjunkturellen Einflüsse, denen das Handwerk unterliegt: das Wetter. Die erste Jahreshälfte 2013 verlief witterungsbedingt eher bescheiden. Der Winter war lang und infolgedessen wurde auf den Baustellen kaum gearbeitet. Das erste Quartal 2014 indes bot mit seinen milden Temperaturen so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit.

Der zweite wichtige Faktor für die Geschäftslage im Handwerk ist die Baukonjunktur. Kein Wunder, gehört doch mehr als die Hälfte der Handwerksbetriebe mit insgesamt über 2 Millionen Beschäftigten zum Bau- und Ausbaugewerbe. Und weil der Bau derzeit vor allem wegen der niedrigen Kreditzinsen und der Zuwanderungswelle boomt, hat auch das Handwerk wenig Grund zur Klage: In der Frühjahrsumfrage 2014 des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) zeigten sich fast neun von zehn Betrieben mit der aktuellen Geschäftslage zufrieden oder stuften sie sogar als gut bis sehr gut ein. Immerhin 13 Prozent der Firmen wollen 2014 neue Mitarbeiter einstellen und nur 7 Prozent rechnen mit einem Beschäftigungsabbau.

Betrachtet man die Entwicklung des Handwerks über einen längeren Zeitraum, zeigen sich allerdings gravierende Veränderungen (Grafik):

  • Die Zahl der Betriebe hat in den vergangenen zehn Jahren kräftig zugenommen. Es gibt heute fast 160.000 Handwerksfirmen mehr als 2003 – das ist ein Plus von knapp 19 Prozent.
  • Die Zahl der Erwerbstätigen hat dagegen spürbar abgenommen: Im Jahr 2012 zählte das Handwerk 5,3 Millionen Beschäftigte – und damit 7,5 Prozent weniger als 2003. Das Krisenjahr 2010 markierte einen Tiefpunkt, seitdem ist die Zahl der Handwerker wieder leicht gestiegen.

Die auseinanderlaufenden Entwicklungen von Betriebs- und Beschäftigtenzahlen sind vor allem auf die Reform der Handwerksordnung im Jahr 2004 (Verlinken) zurückzuführen: Während sich die Zahl der Meisterbetriebe in den weiterhin zulassungsbeschränkten Gewerben kaum verändert hat, kam es in den 53 Handwerken, die seitdem keinen Meister mehr brauchen, um einen Betrieb zu führen, zu einem regelrechten Gründungsboom. Heute gibt es in dieser Sparte knapp 219.000 Firmen – fast dreimal so viele wie vor der Reform. Rund 50.000 davon gehören Handwerkern aus Osteuropa, und davon wiederum sind rund 30.000 Betriebe im Ausbaugewerbe tätig.

Dass so viele Polen, Tschechen und Ungarn ein Handwerksunternehmen in Deutschland gegründet haben, hängt auch damit zusammen, dass die Selbstständigkeit für sie bis zur uneingeschränkten Arbeitnehmerfreizügigkeit im Jahr 2011 der einfachste Weg war, um in Deutschland zu arbeiten. Auch das ist ein Grund dafür, dass viele Betriebe in den zulassungsbefreiten Gewerben sehr klein sind.

Im Handwerk liegt die durchschnittliche Betriebsgröße einschließlich des Inhabers bei 5,3 Beschäftigten – 61 Prozent der Firmen haben weniger als fünf Mitarbeiter, nur 2 Prozent zählen mehr als 50 Beschäftigte.

Das Handwerk in der EU

Neben dem Nachwuchsproblem (Verlinkung) ist der EU-Binnenmarkt für das deutsche Handwerk die wohl größte Herausforderung. Grundsätzlich herrschen in der EU Dienstleistungsfreiheit für Unternehmen und Freizügigkeit für Arbeitnehmer. EU-Bürger haben das Recht, in jedem EU-Mitgliedsstaat nach Arbeit zu suchen. Seit 2014 gilt dies uneingeschränkt auch für Rumänen und Bulgaren. Dadurch lässt sich möglicherweise die Fachkräftelücke wieder etwas schließen.

Die Dienstleistungsfreiheit bildet quasi die Kehrseite der Medaille: Sie hat zur Folge, dass deutschen Handwerksfirmen mit selbstständigen Handwerkern aus Spanien oder Polen ohne Meisterbrief um Aufträge konkurrieren. Die Einführung von zulassungsbefreiten Gewerben im Jahr 2004 war ein Schritt, um auf die neue innereuropäische Konkurrenz zu reagieren. In zentralen Handwerksberufen, insbesondere im Baugewerbe, ist jedoch nach wie vor ein Meisterbrief zur Unternehmensgründung und für die Ausbildungsberechtigung erforderlich. EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier hat Deutschland kürzlich aufgefordert, zu überprüfen, ob sich die Qualitätsstandards im Handwerk nicht auch mit weniger rigiden Zugangsbeschränkungen sichern lassen.

 

Stand: Juli 2014

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