Hintergrundtext

Nachwuchssorgen

Obwohl die Geschäfte im Handwerk derzeit gut laufen, finden die Handwerksbetriebe nicht genug Auszubildende. Die Gründe.

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Die Ausbildung von Nachwuchskräften lässt sich umso schlechter bewerkstelligen, je kleiner ein Betrieb ist. Selbst in den seltenen Fällen, in denen Ein- oder Zwei-Personen-Unternehmen die formalen Kriterien der Ausbildungsberechtigung erfüllen, also ein Ausbilder (Meister) vorhanden und die Betriebsstätte ausbildungsgeeignet ist, fehlt es oft an den zeitlichen Kapazitäten und der Vielfalt der Tätigkeiten, um eine qualifizierte Ausbildung sicherzustellen. Der Trend zum Kleinstbetrieb im Handwerk, den die Handwerksreform 2004 ausgelöst hat, ist deswegen nicht ganz unproblematisch.

Dass es immer weniger Handwerks-Azubis gibt, liegt jedoch nicht daran, dass die Unternehmen ihr Lehrstellenangebot zurückgefahren haben, sondern schlicht und einfach daran, dass sie keine Lehrlinge finden. Der Anteil der unbesetzten Ausbildungsplätze an allen gemeldeten Lehrstellen ist im Handwerk von gut 5 Prozent im Jahr 2009 auf fast 10 Prozent 2013 gestiegen. So hoch ist diese Quote in keinem anderen Wirtschaftsbereich – in Industrie und Handel lag sie 2013 bei 6,7 Prozent. Vor allem in Ostdeutschland ist die Lage dramatisch (Grafik):

Im Jahr 2012 beschäftigten die ostdeutschen Handwerksbetriebe nur noch 54.000 Auszubildende – gerade einmal halb so viele wie zehn Jahre zuvor.

In Westdeutschland ist der Rückgang zwar noch nicht ganz so eklatant, aber auch hier ging die Zahl der Azubis innerhalb von nur zehn Jahren um gut 11 Prozent zurück. Zuletzt bildete das westdeutsche Handwerk noch 348.000 Nachwuchskräfte aus.

Dahinter stecken mehrere Faktoren: So zieht das Handwerk im Wettbewerb um die knapper werdenden Schulabgänger gegenüber der Industrie und großen Dienstleistungsunternehmen oft den Kürzeren. Eine Rolle spielen dabei die Arbeit an sich (Stichwort „schmutzige Finger“), die vermeintlich eingeschränkten Karriereperspektiven und, nicht zuletzt, die relativ niedrigen Ausbildungsvergütungen. Diese liegen im westdeutschen Handwerk bei durchschnittlich 638 Euro pro Monat und im ostdeutschen bei 542 Euro, in Industrie und Handel dagegen bei 839 beziehungsweise 764 Euro. Allerdings gibt es je nach Beruf große Unterschiede:

In Westdeutschland stehen die Maurer mit 999 Euro durchschnittlicher monatlicher Ausbildungsvergütung im Berufe-Ranking ganz vorne, die hinteren Plätze belegen Friseure, Bäcker und Maler mit 469 bis 558 Euro.

Traditionell gewinnt das Handwerk seinen Nachwuchs vor allem unter den Hauptschulabgängern. Im Jahr 2012 zum Beispiel hatte jeder zweite Neu-Azubi einen Hauptschulabschluss und immerhin 4 Prozent konnten ihre Lehrstelle ganz ohne Schulabschluss antreten. Weil aber immer mehr Schüler und Schülerinnen das Abitur oder zumindest die Fachhochschulreife machen und die Hauptschule in manchen Bundesländern gar nicht mehr existiert, dünnt der Nachwuchs-Pool des Handwerks weiter und weiter aus. Zu schließen ist diese Lücke am ehesten dadurch, dass mehr Frauen für die traditionellen Handwerksberufe begeistert werden.

Dass Handwerker in Deutschland rar zu werdend drohen, lässt sich auch an den Meisterprüfungen ablesen (Grafik):

Im Jahr 2012 kürten die Handwerkskammern knapp 23.000 Jungmeisterinnen und -meister – und überreichten damit fast 3.600 Meisterbriefe weniger als 2003.

Zwar ist der Frauenanteil an den neuen Meistern in diesen zehn Jahren von 18 auf 24 Prozent gestiegen – doch den Rückgang an Männern konnten die Damen der Zunft nicht kompensieren.

Last but not least dürfte der von der Großen Koalition frisch eingeführte abschlagsfreie Vorruhestand mit 63 Jahren das Fachkräfteproblem im Handwerk weiter verschärfen. Denn die meisten Handwerker steigen so früh ins Berufsleben ein, dass sie die für die vorgezogene Rente nötigen 45 Versicherungsjahre locker zusammenbekommen.

 

Stand: Juli 2014

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