Hintergrundtext

Deutschland wird zum Industrieland

Heute ist es gang und gäbe, Deutschland als Industrieland zu bezeichnen. Tatsächlich aber spielt das Verarbeitende Gewerbe – so die genaue Bezeichnung für die Industrie – erst seit rund 100 Jahre eine herausragende Rolle.

Der Aufstieg des Verarbeitenden Gewerbes zum wichtigsten Wirtschaftszweig in Deutschland vollzog sich in der Zeit zwischen der Gründung des Kaiserreichs im Jahr 1871 und dem Jahr 1914. Lag der Anteil der Industrie an der gesamten Wirtschaftsleistung um 1870 erst bei etwa 30 Prozent, war Deutschland kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs bereits stärker industrialisiert als die großen Konkurrenten in Europa (Grafik):

Um das Jahr 1910 herum hatte die Industrie einen Anteil von 44 Prozent am deutschen Nationalprodukt – sowohl in Frankreich als auch in Großbritannien waren die Quoten niedriger.

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Der Industriesektor war innerhalb weniger Jahrzehnte nicht nur enorm gewachsen, er hatte sich auch strukturell verändert. Auf die erste Phase der Industrialisierung mit Kohlenbergbau, Eisenverhüttung und Eisenbahnbau folgte gegen Ende des 19. Jahrhunderts der Aufstieg des Maschinenbaus, der Elektroindustrie und der Chemie zu führenden Wirtschaftszweigen.

Allerdings darf dabei nicht übersehen werden, dass das Deutschland damals noch stark vom Agrarsektor geprägt war. Vor dem Ersten Weltkrieg trug die Landwirtschaft immerhin noch 23 Prozent zur Wirtschaftsleistung bei – heute sind es einschließlich der Forstwirtschaft und der Fischerei nur noch 1 Prozent – und gab rund einem Drittel der Bevölkerung Arbeit. Damit unterschied sich die deutsche Wirtschaft zum Beispiel stark von der britischen, die damals bereits auf dem Weg in die Dienstleistungsgesellschaft war.

   

Die Gründerzeit

Entscheidend für den Aufstieg der deutschen Industrie waren die vielen nach 1871 gegründeten Unternehmen – daher spricht man von der Gründerzeit. Im Jahr 1909 wurden 5.220 Aktiengesellschaften gezählt, davon waren 3.230 dem Industriesektor zuzuordnen. Von den 16.500 Gesellschaften mit beschränkter Haftung waren 8.560 im Verarbeitenden Gewerbe tätig. Und immerhin rund 30 Prozent der 5,8 Millionen Selbstständigen und Einzelunternehmer arbeiteten in der Industrie oder im industrienahen Handwerk. Viele der damals gegründeten Industrieunternehmen spielen noch heute eine große, sprich weltweite Rolle.

Der Gründerboom sorgte für ein kräftiges Wirtschaftswachstum (Grafik):

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Von 1900 bis 1913 stieg die reale Wirtschaftsleistung in Deutschland um fast 44 Prozent auf mehr als 52 Milliarden Mark – ein durchschnittlicher Zuwachs von gut 2,8 Prozent pro Jahr.

Verglichen mit den zum Teil zweistelligen Wachstumsraten, die beispielsweise China in jüngster Zeit erzielte, mag das zwar mager erscheinen. Man muss aber bedenken, dass Deutschland damals eben nicht von Direktinvestitionen – das sind Investitionen aus dem Ausland – profitierte und so bereits entwickelte Technologien quasi importieren konnte. Denn vor 1914 war das früh industrialisierte Großbritannien der einzige nennenswerte Kapitalexporteur, das Land investierte jedoch nur in den USA und den Ländern des „British Empire“. Deshalb ist das Wachstum der deutschen Wirtschaft vor 1914 hauptsächlich auf die inländischen Industrie-Investitionen zurückzuführen.

Allein im Jahr 1913 wurden in Deutschland netto mehr als 8 Milliarden Mark investiert – das waren fast 16 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung.

Zum Vergleich: Heute liegen die deutschen Nettoinvestitionen, also die getätigten Investitionen abzüglich der Abschreibungen, nur noch bei 2 bis 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

   

Im Auslandsgeschäft schreibt Deutschland rote Zahlen

Auch der Außenhandel spielte im Kaiserreich schon eine gewichtige Rolle, wenngleich die Exporte 1913 erst knapp 20 Prozent der Wirtschaftsleistung betrugen – verglichen mit 43 Prozent heute. Und anders als heute, da die Bundesrepublik regelmäßig zu den drei größten Exportnationen der Welt gehört, fuhr Deutschland vor 100 Jahren im grenzüberschreitenden Warenverkehr ein leichtes Defizit ein (Grafik):

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Im Jahr 1913 standen den Ausfuhren im Wert von 10,1 Milliarden Mark Einfuhren von 10,8 Milliarden Mark gegenüber.

Die wichtigsten Kunden für Waren „made in Germany“ waren damals – wie heute – europäische Länder, allen voran Großbritannien und Österreich-Ungarn. Zu den größten Exportschlagern gehörten damals die Erzeugnisse der Metall- und Elektroindustrie. Maschinen, Stahl, Eisenwaren, Fahrzeuge, Röhren, Elektrogeräte und Glühlampen machten zusammen fast ein Viertel der deutschen Exporte aus. Im Gegensatz zu heute verkaufte Deutschland seinerzeit aber auch viel Steinkohle und Koks sowie Woll- und Baumwolltextilien ins Ausland – jeweils 7 Prozent des Exportwerts entfielen auf diese zwei Gütergruppen.

Die deutschen Importe kamen fast zur Hälfte aus Übersee und bestanden vor allem aus Rohstoffen und Nahrungsmitteln, allen voran Baumwolle Weizen, Gerste und Wolle.

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