Hintergrundtext

Deutschland ist kein Gründerland

Mutige Existenzgründer mit frischen Ideen können die Wirtschaft beflügeln. In Deutschland hapert es jedoch am Gründergeist. Obwohl oder weil die Wirtschaft derzeit rund läuft?

Deutschland ist alles andere als ein Hort des selbstständigen Unternehmertums. Anders als in den USA gibt es hier kein Silicon Valley, in dem ein vielversprechendes Start-up nach dem anderen zum Großunternehmen heranwächst und das nahezu den kompletten Wirtschaftsraum San Francisco dominiert. Einzig Berlin und München verzeichneten in den vergangenen Jahren Neugründungen von überregionaler oder sogar internationaler Bedeutung, vor allem aus der Ideenschmiede der Samwer-Brüder Rocket Internet das wohl populärste Beispiel ist der Online-Modeversand Zalando.

Von dem Gründungsfieber, das Deutschland in der ersten Hälfte der 2000er Jahre gepackt zu haben schien, ist heute nicht mehr viel übrig. Damals hatte die New Economy mit ihrem Dotcom-Boom auch hierzulande viele Start-ups hervorgebracht. Dazu kam 2003 noch das Förderinstrument „Ich AG“ als Bestandteil der Hartz-Reformen, mit denen die Arbeitslosigkeit bekämpft werden sollte. Beides zusammen bewirkte einen Anstieg der Unternehmensgründungen auf 572.500 im Jahr 2004 – gute 100.000 mehr als zur Jahrtausendwende. Doch schon 2005 begann die Gründungslaune rapide zu sinken (Grafik):

Im Jahr 2014 wurden in Deutschland nur noch gut 300.000 Unternehmen gegründet.

Grund dafür ist zum einen die kräftig gekürzte Förderung: Ich-AG-Zuschüsse für zuvor arbeitslose Neu-Selbstständige werden seit Mitte 2006 nicht mehr gezahlt, und auf den als Ersatz eingeführten Gründungszuschuss besteht seit 2012 kein Rechtsanspruch mehr, sondern er ist eine – selten gewährte – Ermessensleistung.

Zum anderen ist für viele ein wesentliches Motiv für den Schritt in die Selbstständigkeit weggefallen, nämlich die Arbeitslosigkeit: Wer keine Stelle findet, macht im Zweifel ein eigenes Geschäft auf. Für diese Notgründungen aber gibt es immer weniger Kandidaten, denn die Zahl der Arbeitslosen ist von fast 5 Millionen im Jahr 2005 auf mittlerweile deutlich weniger als 3 Millionen gesunken.

Dass viele Existenzgründungen aus der Not heraus geboren werden legt auch der europäische Vergleich nahe (Grafik):

In Portugal, Slowenien, Lettland und den Niederlanden werden bis zu 185 Unternehmen pro 10.000 Einwohner gegründet – allesamt Länder, in denen die Arbeitslosigkeit entweder sehr hoch ist oder in den vergangenen Jahren stark zugenommen hat.

In Deutschland dagegen entstanden im Jahr 2013 pro 10.000 Einwohner im erwerbsfähigen Alter von 15 bis 64 Jahren lediglich 45 neue Unternehmen. Ähnlich niedrig war die Gründungsquote auch in Österreich und der Schweiz, die beide ebenfalls so gut wie kein Problem mit Arbeitslosigkeit haben, und in Belgien mit einer zumindest unterdurchschnittlichen Arbeitslosenquote.

Auch die Selbstständigenquote, also der Anteil der Selbstständigen an allen Erwerbstätigen, hat viel mit der Lage auf dem Arbeitsmarkt zu tun. Diese hängt zwar auch von Traditionen und kulturellen Unterschieden ab, aber grundsätzlich lässt sich doch feststellen, dass Länder wie Griechenland, Italien, Spanien, Portugal, Zypern, die Slowakei und Irland, wo die Arbeitslosenquoten weit über dem EU-Durchschnitt liegen, mit 15 bis 30 Prozent auch entsprechend hohe Selbstständigenquoten haben.

In Italien und Portugal ist der Anteil der Selbstständigen an den Erwerbstätigen heute jedoch kleiner als vor zehn Jahren – obwohl die Arbeitslosigkeit in dieser Zeit deutlich gestiegen ist. Der Einbruch der Wirtschaft im Zuge der Euro-Krise hat hier den Gründergeist eher gedämpft. Eine schwache Konjunktur bedroht eben nicht nur die Jobs der abhängig Beschäftigten, sondern macht auch Selbstständigen das (Über-)Leben schwer – und verringert die Zahl der sogenannten chancenorientierten Gründungen.

Absolut gesehen ist Frankreich die europäische Gründerhochburg: Dort entstanden 2013 rund 411.000 neue Unternehmen. Das waren zwar deutlich weniger als fünf Jahre zuvor, trotzdem ist die französische Gründungsquote immer noch doppelt so hoch wie die deutsche. Großbritannien übertraf Deutschland 2013 laut Eurostat-Zahlen mit 376.000 neuen Unternehmen in puncto Gründungsfreude um satte 100.000 Firmen. Das Bemerkenswerte daran: Auch die Briten haben die Wirtschaftskrise überwunden, das hat sie jedoch anders als die Bundesbürger nicht von der Idee abgebracht, sich selbstständig zu machen. Eine Erklärung: Sowohl in Großbritannien also auch in Frankreich leben mehr junge Menschen als in Deutschland – und diese sind generell gründungsfreudiger als ältere Erwerbstätige.

 

 

Info +++ Info +++Info +++ Info ++

Rocket Internet

Das 2007 von den Brüdern Marc, Oliver und Alexander Samwer gegründete Unternehmen stellt jungen Internetunternehmen Risikokapital, Infrastruktur und sonstige in der Gründungsphase nötige Beratung und Unterstützung zur Verfügung. Ziel von Rocket Internet ist, die Beteiligungen an Startup-Firmen – zu denen auch Zalando gehörte – nach kurzer Zeit gewinnbringend weiterzuverkaufen. Die Samwer-Brüder wurden Ende der neunziger Jahre bekannt, als sie im Alter von Mitte, Ende 20 in Deutschland die Ebay-Kopie Alando gründeten und nur wenige Monate später für 43 Millionen Dollar an Ebay verkauften.

 

(Stand: Dezember 2015)

Das könnte Sie ebenfalls interessieren ...

Quick-Finder
Aktuelle Themen

Ich brauche ...

THEMA


FORMAT


SCHLAGWORT


Neue Unterrichtsmaterialien und Informationen zu aktuellen Themen – bleiben Sie auf dem Laufenden.

Wir freuen uns über Ihr Feedback und Ihre Anregungen.