Fachkräftemangel in typischen Frauen- und Männerberufen besonders stark

Berufsorientierung und Arbeitsmarkt

Sekundarstufe I + II

Hintergrundtext
26.09.2022
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Von Juli 2021 bis Juni 2022 fehlten in Deutschland im Durchschnitt so viele Fachkräfte wie nie innerhalb eines Zwölfmonatszeitraums. Zu den Top-Mangelberufen gehören ausnahmslos Jobs, die entweder fast nur Frauen oder fast nur Männer wählen. Diese Erkenntnis sollten Politik und Unternehmen nutzen, um das Problem anzugehen.

Fast 538.000 qualifizierte Arbeitskräfte fehlten von Sommer 2021 bis Sommer 2022 durchschnittlich auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Das zeigt eine Auswertung des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung (Kofa) auf Grundlage von Daten der Bundesagentur für Arbeit und des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Und diese besorgniserregende Rekordzahl ist eher noch untertrieben, denn die Wissenschaftler nehmen für ihre Berechnungen an, dass jede offene Stelle irgendwo in Deutschland mit einer entsprechend qualifizierten Fachkraft besetzt werden kann – ganz gleich, wo im Land die sich arbeitsuchend gemeldet hat.

Doch trotz dieser unterstellten maximalen Flexibilität seitens arbeitsloser Fachkräfte ist der Mangel in vielen Branchen riesig, so etwa in der Sozialarbeit, der Erziehung und Pflege, im Handwerk und in der Informatik (Grafik):

In der Berufsgruppe der Sozialarbeit und Sozialpädagogik gab es von Juli 2021 bis Juni 2022 im Schnitt für knapp 20.600 offene Stellen deutschlandweit keine passend qualifizierten Experten auf Jobsuche – so groß war der Mangel noch nie.

Die Kinderbetreuung mit rein rechnerisch fast 20.500 nicht zu besetzenden Stellen und die Altenpflege mit annähernd 18.300 vakanten Plätzen folgen auf dem Negativ-Treppchen.

Auch drei Handwerksberufe reihen sich in die Top Ten des Mangels ein: In der Bauelektrik, in der Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik sowie in der Kraftfahrzeugtechnik suchen viele Firmen Fachkräfte häufig vergeblich. Insgesamt, das hat eine frühere Kofa-Erhebung ergeben, fehlten im Jahr 2021 durchschnittlich 87.000 Handwerker. Bitter ist das nicht zuletzt, weil ihre Arbeit jetzt besonders gefragt ist, um die Energiewende zu meistern und die Abhängigkeit von russischem Gas zu reduzieren.

In der Informatik fehlten mit 13.600 rein rechnerisch nicht zu besetzenden Stellen ebenfalls so viele Experten wie nie. In dieser Berufsgruppe fällt es außerdem so schwer wie nirgendwo sonst, eine Arbeitskraft zu finden. Das zeigt die sogenannte Stellenüberhangsquote:

Im IT-Bereich betrug die Stellenüberhangsquote zuletzt rund 90 Prozent. Das heißt, dass es hier für neun von zehn offenen Stellen bundesweit keine passenden Bewerber gab.

Die entsprechende Quote lag für fast alle Top-Ten-Mangeljobs deutlich über 50 Prozent. Einzig bei den Berufskraftfahrern sah es mit 38 Prozent vermeintlich besser aus. Dieser Job fiel zu Beginn der Corona-Pandemie aus den Top Ten. Inzwischen ist das Stellenprofil in die Liste zurückgekehrt. Und da die Beschäftigten der Branche überdurchschnittlich alt sind und es wenig Nachwuchs gibt, dürfte sich die Lücke und damit die Stellenüberhangsquote bald merklich vergrößern.

Alle zehn Berufe mit besonders großem Fachkräftemangel sind entweder typische Frauen- oder typische Männerjobs. So liegt der Frauenanteil in den fünf Berufen des Sozial- oder Gesundheitsbereichs zwischen knapp 77 Prozent für die Sozialarbeit und Sozialpädagogik und fast 87 Prozent in der Kinderbetreuung und -erziehung.

In den fünf gewerblich-technischen Berufen verhält es sich umgekehrt. Es gibt zwar immerhin knapp über 19 Prozent Informatikerinnen, aber in den anderen Jobs ist der Anteil weiblicher Beschäftigter extrem niedrig. Er liegt zwischen 0,4 Prozent in der Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik und 4,5 Prozent in der Kfz-Technik.

Nur 16 Prozent aller offenen Stellen – das ergab eine frühere Kofa-Analyse – werden von Firmen in jenen Engpassberufen gemeldet, die geschlechteruntypisch sind, also nicht überwiegend von Frauen oder von Männern gewählt werden. Der extreme Mangel trifft demnach fast ausschließlich Jobs, für die sich in der Regel nur eine Hälfte des Nachwuchses begeistern kann.

Geschlechterklischees bei der Berufswahl aufbrechen

Es könnte also helfen, wenn seitens der Bildungspolitik und der Unternehmen noch mehr getan wird, um Geschlechterklischees bei der Berufswahl aufzubrechen – zum Beispiel in der Berufsorientierung an der Schule und mit einer werbenden Ansprache, die sich nicht auf ein Geschlecht fokussiert. Zudem sollte viel stärker kommuniziert werden, wie sehr sich einst kräftezehrende körperliche Jobs dank des technischen Fortschritts gewandelt haben.

Allerdings wird all das allein nicht genügen, um die Rekordlücke zu schließen. Vielmehr gibt es weitere Stellschrauben gegen den Fachkräftemangel – beispielsweise die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie inklusive flächendeckender Kita-Betreuung, eine Bildungspolitik, in der mehr junge Menschen zum Abschluss geführt werden, sowie qualifizierte Zuwanderung, um dem demografischen Wandel zu begegnen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf iwd.de


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