Handwerk: Karrierechancen gut, Fachkräfte rar

Berufsorientierung und Arbeitsmarkt

Gymnasien, Hauptschule, Realschule, berufliche Schulen | Sekundarstufe I + II

Hintergrundtext
14.03.2019
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Trotz voller Auftragsbücher hat der Berufsstand ein Problem: Es gibt viel zu wenige Fachkräfte und auch der Nachwuchs macht sich rar. Dabei sind die Aussichten in diesem Wirtschaftszweig ziemlich gut – im Idealfall sogar besser als für Akademiker.

Auf den ersten Blick steht das Handwerk glänzend da: Der anhaltende Aufschwung der deutschen Wirtschaft beschert den Dachdeckern und Fliesenlegern, Bäckern und Hörakustikern gute Umsätze und sichere Jobs. Entsprechend positiv beurteilen die Handwerksbetriebe ihre aktuelle Geschäftslage:

Anfang 2018 schätzten 55 Prozent der Betriebsinhaber ihre Lage als gut ein – das waren 5 Prozentpunkte mehr als im Vorjahr.

Eine negative Einschätzung gaben zu Jahresbeginn lediglich 9 Prozent der Handwerksunternehmen ab.

Auch die Kapazitätsauslastung spricht für eine komfortable Situation der Branche. Im Durchschnitt erreichte sie im ersten Quartal 2018 mit 80 Prozent einen neuen Höchstwert für die traditionell schwächeren Wintermonate. Im Vergleich zum Vorjahr konnten alle Handwerksbereiche zulegen und im Bau- und Ausbaugewerbe ist die Auslastung sogar am Limit: Hier beträgt die Vorlaufzeit für einen Auftrag mittlerweile mehr als zwölf Wochen.

Fachkräftemangel ist ein großes Problem

Es läuft also rund im deutschen Handwerk – eigentlich. Denn der Berufsstand hat ein großes Problem: einen „riesigen Fachkräfte- und Nachwuchsmangel“, wie der Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), Hans Peter Wollseifer, es formuliert. Zwar konnten die deutschen Handwerksbetriebe 2017 einige neue Mitarbeiter gewinnen – doch das Plus von einem halben Prozent auf nunmehr 5,16 Millionen Beschäftigte fiel ziemlich bescheiden aus. Gebrauchen kann die Branche deutlich mehr (Grafik):

Die rund 818.000 Handwerksunternehmen in Deutschland könnten zwischen 200.000 und 250.000 zusätzliche Handwerker beschäftigen.

In manchen Branchen und Regionen ist der Fachkräftemangel bereits so ausgeprägt, dass einige Arbeitgeber mit außergewöhnlichen Angeboten locken: Neben übertariflicher Bezahlung sind das beispielsweise freie Brückentage, kostenlose Smartphones, Tankgutscheine, Urlaub zu Saisonzeiten oder vergünstigte Freizeitaktivitäten; einige Handwerksfirmen bieten sogar Dienstwohnungen an.

Im Jahr 2000 zählte das Handwerk fast 600.000 Auszubildende, 2017 waren es nur noch 365.000.

Um das Branchenimage aufzupolieren, werden auch schon mal bekannte Gastredner eingeladen. Die Handwerkskammer Düsseldorf etwa engagierte zum „Tag der Technik“, der seit 15 Jahren veranstaltet wird und den Nachwuchs für technische Ausbildungsberufe begeistern soll, im Jahr 2015 den deutschen Astronauten Alexander Gerst.

Die meisten jungen Leute lassen sich von solchen Aktionen allerdings wenig beeindrucken. Weil einerseits die Zahl der Schulabgänger aufgrund des demografischen Wandels sinkt und andererseits rund die Hälfte eines Schulabsolventenjahrgangs ein Studium beginnt, ist die Zahl der Auszubildenden im Handwerk in den vergangenen Jahren dramatisch gesunken (Grafik):

Im Jahr 2000 gab es nahezu 600.000 Auszubildende im Handwerk, 2017 waren es nur noch 365.000.

Damit hat sich die Lehrlingszahl im Handwerk gegenüber dem Höchststand von 1997 – damals absolvierten mehr als 630.000 junge Menschen eine Ausbildung – annähernd halbiert.

Viele offene Lehrstellen

Es gibt nicht nur weniger Ausbildungsverhältnisse als früher, sondern auch große Schwierigkeiten, die offenen Lehrstellen zu besetzen. Zwar ist es den Handwerksbetrieben im Jahr 2017 gelungen, rund 11.000 Flüchtlinge in eine ausbildungsvorbereitende Maßnahme oder ein Ausbildungsverhältnis zu integrieren, dennoch bleiben viele Ausbildungsplätze vakant:

Im Handwerk fehlen jedes Jahr zwischen 15.000 und 20.000 Auszubildende; allein in Bayern konnten 2017 mehr als 6.000 Lehrstellen nicht besetzt werden.

Dabei sind die Aussichten, die sich den Absolventen in einem der mehr als 130 Ausbildungsberufe im Handwerk bieten, vielversprechend: Nach der drei- oder dreieinhalbjährigen Lehre ist noch lange nicht Schluss – als Geselle kann man „auf die Walz“ oder ins Ausland gehen, den Meistertitel erwerben oder studieren.

In 200.000 bis 250.000 Handwerksbetrieben steht in den kommenden fünf bis sechs Jahren ein Generationswechsel an – das bietet motivierten Nachwuchskräften eine einmalige Chance, sich selbstständig zu machen.

Das Arbeitslosigkeitsrisiko im Handwerk ist angesichts der guten Geschäftslage – der ZDH geht auch in diesem Jahr wieder von einer 3-prozentigen Umsatzsteigerung im Handwerk aus – und der fehlenden Fachkräfte ausgesprochen gering. Die Arbeitslosenquote von Handwerksmeistern beträgt derzeit weniger als 3 Prozent.

Auch finanziell kann sich die Entscheidung für einen handwerklichen Beruf auszahlen. So hat das ifo Institut im vergangenen Jahr berechnet, dass sich das durchschnittliche Lebenseinkommen eines Meisters oder Technikers nach Abzug der Ausbildungskosten auf rund 730.000 Euro beläuft. Demnach kann das Einkommen eines Meisters mit gut laufendem Betrieb sogar deutlich höher sein als das eines Hochschulabsolventen.

Dieser Artikel erschient zuerst im iwd


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