Anstehender Brexit bremst den Warenhandel

Globalisierung und Europa

Sekundarstufe II

Hintergrundtext
04.09.2019
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Obwohl nicht klar ist, wann und wie das Vereinigte Königreich aus der EU austritt, belasten die Brexit-Bestrebungen bereits den internationalen Handel. In Deutschland ist Baden-Württemberg besonders betroffen.

Der angekündigte Brexit hat schon viele Horror-Szenarien heraufbeschworen: angefangen beim Lkw-Chaos in Dover über einen Medikamentennotstand auf der Insel bis hin zu Hunderttausenden bedrohten Arbeitsplätzen. Der britische Schatzkanzler Philip Hammond hat kürzlich die Kosten eines ungeordneten Austritts für den Staatshaushalt auf bis zu 90 Milliarden Pfund beziffert.

Dabei hat sich die Unsicherheit durch den bevorstehenden Brexit bereits auf das Wirtschaftsgeschehen im Vereinigten Königreich und das seiner Handelspartner ausgewirkt: Viele Unternehmen halten sich mit Investitions- und Standortentscheidungen zurück. Denn wozu noch in neue Maschinen und Personal investieren, wenn im Fall eines ungeordneten EU-Ausstiegs bewährte Liefer- und Produktionsketten auseinandergerissen werden und Zölle sowie andere Handelshemmnisse die grenzüberschreitenden Warenströme verteuern und verlangsamen?

Britisches Wirtschaftswachstum sinkt

Noch ist zwar nicht klar, ob der Brexit nun geregelt oder ungeregelt vonstattengeht. Doch das Wirtschaftswachstum im Vereinigten Königreich hat nach dem Referendum im Juni 2016 längst einen Dämpfer bekommen:

Während die britische Wirtschaft 2014 um real 2,9 Prozent und 2015 um 2,3 Prozent wuchs, fiel das Wachstum in den folgenden zwei Jahren auf 1,8 Prozent – und dürfte 2019 weiter auf rund 1,3 Prozent zurückgehen.

Großbritannien hat damit seinen ehemals stabilen Wachstumsvorsprung gegenüber dem Euroraum verloren.

Diese Entwicklung wiederum wirkt sich auch auf den britischen Außenhandel aus. Hinzu kommt die Abwertung der Währung. Insgesamt verminderte sich der Außenwert des Pfunds gegenüber dem Euro bis 2018 im Vergleich zum Jahr 2015 um etwa 18 Prozent. Nach einem leichten Anstieg des Kurses Anfang 2019 verlor die britische Währung im zweiten Quartal weiter an Wert gegenüber dem Euro – allein im Juni um 2,2 Prozent.

Die Abwertung verteuerte die Warenströme aus dem Euroraum nach Großbritannien und begünstigte die britischen Exporte dorthin. Der Effekt war aber zumindest im Handel mit Deutschland offenbar nicht stark genug, um die Verunsicherung durch den Brexit zu kompensieren. Denn die deutschen Einfuhren aus dem Vereinigten Königreich gingen von 2015 bis 2018 um 3,5 Prozent zurück. Zum Vergleich: Die gesamten deutschen Importe aus der EU stie​gen im selben Zeitraum um 14,7 Prozent. Die deutschen Exporte nach Großbritannien verringerten sich von 2015 bis 2018 sogar um 7,8 Prozent, während die Ausfuhren in die EU insgesamt um 12,4 Prozent zulegten.

Ein Blick auf die wichtigsten Exportgüter zeigt jedoch, dass nicht alle Warengruppen gleich betroffen sind (Grafik):

Die Exporte von Kraftwagen und Kraftwagenteilen ins Vereinigte Königreich sind zwischen 2015 und 2018 um fast 23 Prozent zurückgegangen.

Das größte deutsche Exportminus gab es mit über 40 Prozent bei den pharmazeutischen Erzeugnissen. Gegen den Trend kräftig zugelegt haben dagegen die deutschen Exporte von sonstigen Fahrzeugen, zu denen unter anderem Luft- und Raumfahrzeuge zählen.

Und wie hat sich der Warenaustausch mit dem Vereinigten Königreich in den einzelnen Bundesländern entwickelt? Im Jahr 2018 betrug der Wert des Außenhandels, den die 16 Länder mit den Briten betrieben, insgesamt rund 100 Milliarden Euro (Grafik). Der deutsch-britische Warenhandel konzentriert sich im Wesentlichen auf fünf Bundesländer:

Nordrhein-Westfalen, Bayern, Baden-Württemberg, Niedersachsen und Hessen wickeln zusammen 70 Prozent des gesamten Handels mit dem Vereinigten Königreich ab.

Wie bei den einzelnen Warengruppen ist auch nicht jedes Bundesland gleichermaßen vom Brexit betroffen. Das größte Exportminus im Zeitraum 2015 bis 2018 verzeichnete Baden-Württemberg mit mehr als 30 Prozent, gefolgt von Bayern mit fast 17 Prozent, Nordrhein-Westfalen mit 13 Prozent und Niedersachsen mit 12 Prozent. In Hessen betrug der Exportrückgang nur 6 Prozent.

Hessen konnte auch gegen den Trend seine Importe aus Großbritannien zuletzt deutlich steigern – um fast die Hälfte. Überdurchschnittlich wuchsen dabei die Einfuhren von Kraftwagen und Kraftwagenteilen sowie von sonstigen Fahrzeugen. In dieser Sparte stechen vor allem die Erzeugnisse der Luftfahrt hervor, deren Einfuhrplus seit 2015 mehr als 190 Prozent betrug.

Dieser Artikel erschien zuerst auf iwd.de


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