Der Wohlstandseffekt der Hauptstadt

Globalisierung und Europa

Sekundarstufe I + II

Hintergrundtext
24.05.2022
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In vielen EU-Staaten ist die jeweilige Hauptstadt ein unverzichtbarer Wirtschaftsmotor. Die Ausnahme war lange Zeit Deutschland. In den vergangenen Jahren hat Berlin aber kräftig daran gearbeitet, das Image „arm, aber sexy“ abzuschütteln.

Athen, Prag, Paris – diese Hauptstädte stechen nicht nur aufgrund ihrer Schönheit, Kultur und Geschichte hervor, sie sind auch die Zugpferde für die Wirtschaftskraft ihrer jeweiligen Länder. Am deutlichsten zeigte sich dieser Effekt zuletzt in Griechenland (Grafik):

Ohne die wirtschaftliche Zugkraft der Athener wäre das griechische Bruttoinlandsprodukt (BIP) je Einwohner im Jahr 2019 um 20 Prozent geringer ausgefallen.

Ähnlich groß ist der Hauptstadteffekt in der Slowakei, wo das Wohlstandsniveau ohne Bratislava und seine Bewohner um gut 18 Prozent niedriger wäre. Auch in vielen anderen EU-Staaten hat die jeweilige Hauptstadtregion einen unverzichtbaren wirtschaftlichen Stellenwert – von Dänemark und Finnland über Belgien bis hinunter nach Spanien und Portugal.

Ausgesprochen hoch fällt der Hauptstadteffekt auch im zentralistischen Frankreich aus: Die französische Wirtschaftsleistung je Einwohner wäre ohne Paris rund 15 Prozent geringer.

In der Hauptstadtregion Île-de-France lebt ein knappes Fünftel aller Franzosen – dieses Fünftel erwirtschaftet aber ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts.

Wenig Einfluss auf die Wirtschaftskraft des Landes hat dagegen Italiens Hauptstadt. Die italienische „capitale“ und die Hauptstädter ziehen das BIP je Einwohner mit knapp 2 Prozent lediglich geringfügig nach oben, was aber vor allem daran liegt, dass andere Wirtschaftszentren wie Mailand oder Turin ebenfalls sehr stark sind.

Der kleinste Wachstumsmotor für die landesweite Volkswirtschaft ist aber nach wie vor Berlin. Im Jahr 2019 wäre das deutsche Bruttoinlandsprodukt ohne die Hauptstadt gerade einmal um 0,1 Prozent niedriger gewesen. Das liegt auch daran, dass der deutsche Staat föderalistisch organisiert ist und eine ganze Reihe von Wirtschaftszentren hat. Dazu zählen neben Metropolen wie Hamburg und München auch viele Städte und Gemeinden im ländlichen Raum. Dort sind zahlreiche erfolgreiche Mittelständler, oft hochspezialisierte Weltmarktführer, angesiedelt.

Berlin holt in Sachen Wirtschaftskraft auf

Doch auch wenn Berlin noch immer nicht wie andere EU-Hauptstädte als wirtschaftliches Zugpferd glänzen kann, darf man nicht übersehen, dass die Metropole in den vergangenen Jahren deutlich aufgeholt hat (Grafik):

Bis zum Jahr 2017 hätte Deutschland ohne seine Hauptstadt ein höheres BIP pro Kopf ausweisen können - seit 2018 entwickelt sich die Berliner Wirtschaft aber dynamisch.

Im Jahr 2020 lag das durchschnittliche BIP pro Kopf mit über 42.000 Euro sogar gut 5 Prozent über dem gesamtdeutschen Mittelwert. Ein entsprechender internationaler Vergleich ist für 2020 noch nicht möglich, da die Daten aus dem europäischen Ausland bislang nicht vorliegen.

Auch den Abstand zu den stärksten deutschen Bundesländern – Baden-Württemberg, Bayern, Bremen, Hamburg und Hessen – konnte Berlin zuletzt deutlich verringern: Während die Differenz beim Bruttoinlandsprodukt je Einwohner im Jahr 2014 noch 11.600 Euro betrug, lag Berlin 2020 lediglich rund 7.200 Euro hinter der Spitzengruppe.

Und die Berliner Erfolgsstory setzte sich selbst in Corona-Zeiten fort: So mussten die genannten fünf Spitzenreiter 2020 jeweils einen Rückgang des BIP pro Kopf von mehr als 4 Prozent hinnehmen – deutschlandweit waren es 3,4 Prozent. In Berlin verringerte sich die Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung 2020 dagegen nur um 1,4 Prozent.

Zwar erscheint es immer noch unwahrscheinlich, dass sich die deutsche Hauptstadt zu einem ähnlichen ökonomischen Schwergewicht entwickelt wie Athen oder Paris. Dass Berlin relativ stabil durch die Krise gekommen ist, lässt aber hoffen. Der Slogan „arm aber sexy“ wirkt jedenfalls zunehmend aus der Zeit gefallen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf iwd.de.