Das gute Gewissen isst mit

Haushalt und Geld

Gymnasien, Realschule, Hauptschule | Sekundarstufe I + II

Hintergrundtext
07.08.2018
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Gerade in westlichen Industrieländern gilt keineswegs ausschließlich das Kaufkriterium „billig“. Kritische Konsumenten achten vor allem beim Lebensmitteleinkauf nicht mehr nur auf Geschmack und Preis, sondern auch auf die Produktionsbedingungen ihrer Speisen und Getränke.

Selbst eine so simple Sache wie eine Tasse Kaffee wird schnell komplex, wenn man alles „richtig“ machen will: Stammen die Bohnen aus ökologischem Anbau? Ist der Kaffee fair gehandelt worden? Wäre es nicht besser, etwas ganz anderes zu trinken, weil die Herstellung der Kaffeebohnen, die man für eine einzige Tasse schwarzen Muntermacher braucht, mit 140 Litern Wasser zu Buche schlägt?

Viele Menschen beschäftigen sich mit solchen Fragen. Der Soziologe Ulrich Beck hat für diesen Typus Verbraucher den Begriff des „politischen Konsumenten“ entwickelt, eine Weile hatte auch die Bezeichnung „Loha“ (Lifestyle of Health and Sustainability) Konjunktur, derzeit spricht man schlicht und einfach von den „kritischen Konsumenten“. Gerade beim Lebensmitteleinkauf geht es vielen Verbrauchern nicht nur um Bedürfnisbefriedigung, sondern ums große Ganze: um die Artenvielfalt, das Klima, faire Löhne für die Bauern in den Entwicklungs- und Schwellenländern, sozialverträgliche Arbeitsbedingungen, Ressourcenschonung, aber auch um die Bevorzugung regionaler und saisonaler Produkte. Das Gewissen sitzt quasi mit am Esstisch.

Essen und gleichzeitig Gutes tun – geht das?

Letztlich steckt hinter all den Absichten dieselbe Idee: Der Konsum soll nachhaltig sein. Der Begriff Nachhaltigkeit stammt ursprünglich aus der Forstwirtschaft. Demnach soll einem Wald nur so viel Holz entnommen werden, dass er lebensfähig bleibt und seine ökologischen, ökonomischen und sozialen Funktionen (zum Beispiel als Lebensraum für Tiere und als Naherholungsgebiet) weiter erfüllen kann. Dieses Prinzip lässt sich übertragen: Nachhaltig ist alles, was auf Dauer ökonomisch, ökologisch und sozial tragfähig ist.

Die Vereinten Nationen definieren Nachhaltigkeit so: „Entwicklungen zukunftsfähig zu machen heißt, dass die gegenwärtige Generation ihre Bedürfnisse befriedigt, ohne die Fähigkeit der zukünftigen Generation zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen.“ Doch wie kommt man nun in Industrieländern zu einem nachhaltigen Lebensmittelverbrauch? Woran können kritische Konsumenten erkennen, welche Produkte ihren Ansprüchen genügen? Welche Nahrungsmittel als „biologisch“ bezeichnet werden dürfen, ist klar geregelt, sogar gesetzlich – verbindliche Standards für die Nachhaltigkeit im Allgemeinen fehlen dagegen. Inzwischen gibt es in Deutschland mehr als 1.000 verschiedene Siegel für nachhaltig hergestellte Produkte.

Unternehmensinitiativen und Auszeichnungen

Darüber hinaus haben auch die Handelsunternehmen selbst eine ganze Reihe von Initiativen ins Leben gerufen, die sich um das Thema Nachhaltigkeit drehen. Die REWE Group zum Beispiel hat das Label „Pro Planet“ entwickelt. Es kennzeichnet konventionell hergestellte Produkte, bei deren Erzeugung Umwelt und Gesellschaft weniger belastet werden als sonst üblich.
Ein anderes Beispiel ist der Metro-Konzern: Er will seine Treibhausgasemissionen in Verkauf und Lagerung von 2011 bis 2030 um 50 Prozent reduzieren. Fortschritte weist Metro jährlich in seinem Bericht zur Unternehmensverantwortung aus. Außerdem will der Konzern, zu dem auch Supermarktriese Real gehört, Energie sparen und investiert bis zu 25 Millionen jährlich in effiziente Technik wie Beleuchtungssysteme oder Kühltechnik.
 
Die Edeka-Gruppe verkauft seit einigen Jahren in ihren Supermärkten nur noch Fisch aus nachhaltigem Fang oder nachhaltiger Zucht, und bei REWE wird auf Plastiktüten und unnötige Verpackungen verzichtet. So experimentiert der Kölner Konzern derzeit mit Laser-Labels für Gemüse, bei denen die Beschriftung direkt in die Schale graviert wird.
 
Der Bundesverband kritischer Verbraucherinnen und Verbraucher, die „Verbraucher Initiative“, zeichnet seit 2009 nachhaltige Handelsunternehmen aus. In 2015 gab es in der Kategorie „Nahrungs- und Genussmittel“ Gold-Medaillen unter anderem für die Fair-Handelsorganisation GEPA, die REWE-Group und für das Handelsunternehmen tegut.

Nachhaltig essen – was auch noch eine Rolle spielt

Trotz all der Siegel, Initiativen und Auszeichnungen ist es gar nicht so leicht, sich wirklich nachhaltig zu ernähren. So kam die Zeitschrift Ökotest in ihrer Oktoberausgabe 2015 zu dem Schluss, dass nur 26 von 106 untersuchten Regionalprodukten diesen Namen wirklich verdienen. Auch Biowaren sind nicht automatisch die bessere Wahl – Bio-Tiefkühl-Pommes etwa können genau genommen gar nicht nachhaltig sein, weil sich die Ökobilanz durch die Verarbeitung automatisch verschlechtert. Zudem stammen Bio-Lebensmittel nicht zwangsläufig aus der Region, und sie genügen auch nicht immer den Kriterien des fairen Handels.

Der neue Trend: Unverpackt-Läden

Regional, meist biologisch und dazu noch plastikfrei ist ein neuer Trend, der sich inzwischen in vielen deutschen Städten festgesetzt hat. Dieses Angebot finden die Verbraucher in Unverpackt-Läden. Gab es sie vor wenigen Jahren nur vereinzelt in Städten wie Bonn oder Berlin, schwappte 2016 eine Welle neuer Geschäfte über Deutschland. Sie alle verkaufen den Großteil der Ware lose. Die Kunden füllen Kaffeebohnen, Nudeln, Essig, Honig oder Joghurt in mitgebrachte Tupperdosen, Einmachgläser, Flaschen oder Baumwollsäckchen und vermeiden so unnötigen Plastikmüll. Die Händler achten darauf, regionale und meist ökologische Lebensmittel einzukaufen. Durch die kurzen Lieferwege wird eine Plastikverpackung, die Obst und Gemüse sonst beim Transport frisch hält, überflüssig. Flüssigkeiten gibt es in wiederverwendbaren Glasflaschen und unvermeidbare Pappverpackungen sind nicht mit Plastik beschichtet und somit kompostierbar.

Nicht nur das Einkaufsverhalten, sondern auch der Ernährungsstil beeinflusst, wie nachhaltig der Konsum ist: Menschen, die Fleisch essen, verursachen im Durchschnitt etwa doppelt so viele Treibhausgas-Emissionen wie Veganer. Das liegt daran, dass die Fleischproduktion deutlich größere Mengen an Treibhausgasen freisetzt als Anbau und Verarbeitung pflanzlicher Lebensmittel.

Weniger Lebensmittel wegwerfen

Gleich ob vegan oder konventionell, bio oder fair – ein besonders großer Schritt in Richtung nachhaltiger Konsum wäre getan, wenn weniger Lebensmittel weggeworfen würden. Nach Angaben der Welternährungsorganisation FAO landet ein Drittel der weltweit für den menschlichen Verzehr produzierten Lebensmittel auf dem Müll; in den Industrieländern wird schätzungsweise sogar die Hälfte der Nahrungsmittel weggeworfen. In Deutschland fallen laut einer Studie des WWF mehr als 18 Millionen Tonnen Lebensmittelmüll im Jahr an (Grafik). Über 60 Prozent davon sind auf die Wertschöpfungskette zurückzuführen. Das beginnt schon bei der Vorernte: Hierzulande werden schätzungsweise jede dritte Möhre und jeder zehnte Apfel aussortiert, weil sie den Standards nicht genügen. Knapp 40 Prozent der Lebensmittelabfälle produziert der Endverbraucher. Insgesamt ist bei ihm das Vermeidungspotenzial am höchsten: Rund fünf Millionen Tonnen Lebensmittel könnten gerettet werden, würden die Verbraucher ihre Einkäufe besser planen, richtig lagern und Mindesthaltbarkeitsangaben nicht fehlinterpretieren. Durch die Verschwendung im Haushalt, in der Produktion und im Handel werden letztlich riesige Mengen an Energie, Wasser, Arbeitskraft und Herstellungs-, Transport- sowie Lagerkosten vergeudet – und Umwelt und Klima unnötig belastet.