Rosige Aussichten im Garten- und Pflanzenmarkt?

Unternehmen und Markt

Sekundarstufe I + II

Hintergrundtext
25.04.2022
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Immer mehr Bundesbürger statten ihre Gärten, Balkone und Wohnräume seit Beginn der Pandemie mit Zierpflanzen aus – die Branche vermeldet Rekordumsätze. Doch bei kleineren Anbau- und Produktionsbetrieben kommt der Boom oft nicht an.

Lockdowns, Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen, Homeoffice: Das Leben der Bundesbürger hat sich während der Corona-Pandemie größtenteils in den eigenen vier Wänden abgespielt. In den vergangenen zwei Jahren rückte so das eigene Zuhause deutlich stärker in den Fokus – frei nach dem Motto „Trautes Heim, Glück allein“ bemühten sich viele Menschen, zu Hause eine möglichst große Komfort- und Wohlfühlzone zu schaffen.

Ein probates Mittel dafür: Zimmerpflanzen, die nicht nur das Raumklima verbessern, sondern laut zahlreichen Studien auch Stress reduzieren und das allgemeine Wohlbefinden steigern. Mit der Aussicht auf wohl auch langfristig mehr Homeoffice begrünten immer mehr Menschen ihren Heimarbeitsplatz: Laut einer repräsentativen Befragung vom August 2021 stattete ein Drittel der Bundesbürger, die vorher keine Blumentöpfe besaßen, im Homeoffice ihre Wohnung mit Pflanzen aus.

Zimmerpflanzen als Lifestyleprodukt

Doch nicht nur die Pandemie führt dazu, dass in immer mehr deutschen Wohnungen und Häusern Pflanzen zu finden sind – der zunehmende Wunsch vieler junger Städter, auch mit wenig Wohnraum und meist ohne Garten viel Grün und Natur um sich zu haben, ist ebenfalls ein Treiber dieses Trends.

Zimmerpflanzen sind so nebenbei zu einem echten Lifestyleprodukt geworden, das gerne zur Schau gestellt wird. Auf der Social-Media-Plattform Instagram tummeln sich mittlerweile viele sogenannte „Plantfluencer“. Der Begriff – eine Neuschöpfung aus Influencer und plants, dem englischen Wort für Pflanzen – beschreibt jene Menschen, die viel Zeit und Energie in ihre Zimmerpflanzen stecken und die Fotos ihrer grünen oder blühenden Lieblinge mit einer wachsenden Community teilen. Die bekanntesten Plantfluencer haben mittlerweile Followerzahlen jenseits der Eine-Millionen-Marke, in Deutschland sind die Pflanzenliebhaber auf den Social-Media-Kanälen allerdings noch eher nischig unterwegs.

Umsätze auf Rekordhoch

All diese Entwicklungen führen dazu, dass der Zierpflanzenmarkt nach Jahren der Stagnation – zwischen 2011 und 2018 stieg der Gesamtumsatz in Deutschland lediglich um knapp 1 Prozent – regelrecht aufblüht (Grafik):

Von 2019 bis 2021 stieg der Gesamtumsatz im deutschen Zierpflanzenmarkt um rund 15 Prozent auf 10,3 Milliarden Euro.

Mit 5 Milliarden Euro Umsatz ging die Hälfte davon auf das Konto der Gartenpflanzen. Den prozentual größten Zuwachs verzeichneten aber die in der Pandemie so beliebten Zimmerpflanzen – der Umsatz mit ihnen stieg von 2019 bis 2021 um rund ein Fünftel, im vergangenen Jahr gingen 109 Millionen Stück über die Ladentheke.

Ähnlich wachstumsstark präsentiert sich auch die Sparte Gartenmarkt. Neben den Gartenpflanzen, deren Umsatzzahlen sowohl im Zierpflanzen- als auch im Gartenmarkt berücksichtigt werden, zählen dazu auch Gartengeräte und -möbel sowie alle Produkte rund um die Pflanzenpflege wie Dünger und Pestizide. Im Jahr 2021 blieb der Umsatz im Gartenmarkt mit 20,8 Milliarden Euro nur unwesentlich unter dem Wert des Rekordjahres 2020 und bestätigte damit den anhaltenden Trend zum Gärtnern. Von dem Boom profitieren allerdings vor allem große Ketten, wie der Blick auf die Vertriebswege zeigt (Grafik):

Rund ein Viertel des Umsatzes im deutschen Gartenmarkt entfiel im vergangenen Jahr auf Bau- und Heimwerkermärkte.

Dahinter folgten mit jeweils rund 15 Prozent Gärtnereien und der Blumenfachhandel sowie Fachgartencenter. Langfristig betrachtet verliert vor allem der Großhandel an Bedeutung – seit 2010 hat dieser Distributionskanal 5 Prozentpunkte eingebüßt.

Onlinehandel mit Pflanzen wächst

Die Vermarktung von Blumen und Pflanzen über den Onlinehandel spielte im Gartenmarkt bislang eine untergeordnete Rolle. Das immer größere Wachstum in diesem Segment beschleunigt sich aber durch die Corona-Pandemie zusätzlich: Während die jährlichen Zuwächse zwischen 2015 und 2019 zwischen 10 und 16 Prozent lagen, schossen die Umsätze im E-Commerce im ersten Pandemiejahr um rund 38 Prozent in die Höhe. Im vergangenen Jahr wuchs der Umsatz im Netz dann um rund ein Zehntel und erreichte den Rekordwert von 1,6 Milliarden Euro – damit hat er sich in den vergangenen fünf Jahren mehr als verdoppelt.

Allerdings entfallen nur 42 Prozent davon auf reine Onlineshops ohne stationäre Niederlassungen. Den Löwenanteil vereinen stationäre Handelsbetriebe auf sich, die ihre Produkte zusätzlich über eigene Onlineshops oder auf Plattformen wie Amazon verkaufen.

Kleinere Betriebe profitieren kaum vom Boom

Also rundum rosige Stimmung im Garten- und Pflanzenmarkt? Nur bedingt:

Im Vergleich zu 2017 ist die Zahl der deutschen Zierpflanzenproduzenten um 15 Prozent zurückgegangen.

Vor allem kleine und eigentümergeführte Anbaubetriebe mussten in den vergangenen Jahren schließen. Dafür gibt es im Wesentlichen zwei Gründe:

Konkurrenz aus dem Ausland. Von der neuen Pflanzenbegeisterung der Bundesbürger kommt in den heimischen Betrieben oft nur wenig an. Denn immer mehr Blumen werden aus dem Ausland importiert, da dieser Vertriebsweg für die Endverkäufer günstiger ist. So kommen mittlerweile vier von fünf Schnittblumen von weit her – besonders Rosen legen oft Tausende von Kilometern zurück, bevor sie in der Bundesrepublik landen.

Drehkreuz des Blumenhandels in Europa sind die Niederlande, im Durchschnitt werden dort laut Eurostat neun Millionen Rosen pro Tag importiert und weiter verschickt. Etwa drei Viertel davon stammen aus Afrika und Südamerika, der größte Rosenlieferant ist aufgrund der niedrigen Löhne und des günstigen Klimas Kenia. Insgesamt kommen mehr als zwei Drittel der Rosen in Deutschland aus den Niederlanden, etwa jede fünfte Rose direkt aus Kenia.

Kosten. Laut Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung haben sich die Pachtpreise für landwirtschaftliche Flächen in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt, die Kaufpreise stiegen in diesem Zeitraum noch stärker. Insbesondere kleinere Betriebe kämpfen darüber hinaus mit den steigenden Energiekosten sowie der Anfang 2021 eingeführten CO2-Bepreisung. Eine kostenintensive Umstellung auf neue, effizientere Heizanlagen können die meisten Privatbetriebe in einer Branche, die stark von saisonalen Gewinnen abhängig ist, nicht stemmen.