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US-Wirtschaft am Scheideweg

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Es scheint, als würde die ganze Welt atemlos auf Europa schauen und sich fragen, ob der Euro noch zu retten ist. Doch auf der anderen Seite des Atlantiks, in den USA, sieht es kaum besser aus. Zwar gab es zuletzt ein paar positive Meldungen: Die Arbeitslosigkeit ist leicht gesunken, und privater Konsum sowie Bruttoinlandsprodukt haben im letzten Quartal 2011 unerwartet kräftig zugelegt. Doch die USA plagen im Jahr ihrer Präsidentschaftswahlen weiterhin gravierende ökonomische Probleme – nicht zuletzt eine ausufernde Staatsverschuldung.

Die USA haben sich von der Wirtschafts- und Finanzkrise noch immer nicht erholt: Das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist nach wie vor niedriger, als es vor Beginn der Krise im Jahr 2008 war. Das Wirtschaftswachstum betrug im vergangenen Jahr 1,7 Prozent, in diesem Jahr soll es laut Prognose der Industrieländerorganisation OECD bei 2,0 Prozent liegen (Grafik). Die US-Zentralbank Fed schlägt mit ihrer jüngsten Prognose von 2,2 bis 2,7 Prozent (Stand: Januar 2012) zwar etwas optimistischere Töne an, gleichwohl sind die Perspektiven für amerikanische Verhältnisse eher mau. Dahinter steckt eine ganze Reihe von Problemen:

Hohe Arbeitslosigkeit

Im jüngsten, eher zaghaften Aufschwung entstanden bisher zu wenige Jobs. Auch 2012 dürfte die Arbeitslosenquote nur knapp unter 9 Prozent sinken – für US-Verhältnisse ein ungewohnt schlechter Wert: Noch 2008 lag die Arbeitslosigkeit unter 6 Prozent. Vor allem der Staat baut weiter Stellen ab – allein seit Anfang 2011 fast 40.000 pro Monat.

Konsumflaute, aber neuer Investitionsschwung

In aller Regel halten sich die Amerikaner selbst in wirtschaftlich turbulenten Zeiten beim Geldausgeben nicht zurück. Zuletzt sah das jedoch anders aus: Der anhaltende Preisverfall auf dem Häusermarkt und steigende Kreditzinsen haben die Schulden der privaten Haushalte in die Höhe getrieben. Dazu kamen sinkende Aktienkurse, also schrumpfende Privatvermögen, und die hohe Arbeitslosigkeit. Diese Mischung hat den US-Bürgern die Kauflaune dann doch verdorben.

Jüngst war die Tendenz zwar wieder leicht aufsteigend: Im letzten Quartal 2011 hat der private Konsum um 2 Prozent zugelegt – und ist damit kräftiger gewachsen, als es die Experten erwartet hatten. Für 2012 und 2013 prognostiziert die OECD ein Konsum-Plus von rund 2,2 Prozent bzw. 2,6 Prozent. Das ist jedoch zu wenig, um die Konjunktur wieder in Gang zu bringen. Stattdessen könnten die Investitionen in die Rolle des Konjunkturzugpferds schlüpfen: Die Unternehmen werden aufgeschobene Investitionen 2012 nachholen und voraussichtlich rund 7 Prozent mehr für neue Maschinen und Anlagen ausgeben als 2011 (IWF-Prognose).

Desolate Staatsfinanzen

Die OECD rechnet auch für 2012 mit einem sehr hohen Haushaltsdefizit von mehr als 9 Prozent des BIP. Die Folge: Die Staatsverschuldung der USA steigt auf mehr als 100 Prozent der Wirtschaftsleistung.

Einer der Hauptverursacher dieses immensen Schuldenproblems sind die Militärausgaben. Im Jahr 2010 gaben die Vereinigten Staaten nach Angaben der Weltbank 4,8 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts für ihre Armee und die weltweiten militärischen Interventionen aus. Zum Vergleich: In Deutschland liegt der Anteil der Verteidigungsausgaben am BIP lediglich bei 1,4 Prozent. Und auch in Frankreich und Großbritannien sind es vergleichsweise geringe 2,3 bzw. 2,7 Prozent. Die USA haben ihre Militärausgaben vor zehn Jahren nach den Anschlägen vom 11. September stark aufgestockt: In den Jahren zuvor machte der Verteidigungshaushalt stets so um die 3 Prozent der Wirtschaftsleistung aus, seit 2002 ist es dann – vor allem für die Kriege in Afghanistan und im Irak – kontinuierlich mehr geworden. Nun will Washington seine Militärausgaben allerdings drastisch eindampfen: Präsident Obama hat Ende Januar verkündet, dass sie im Laufe der kommenden zehn Jahren um 487 Milliarden Dollar sinken sollen. Das wäre eine Kürzung um weit mehr als die Hälfte: Im Jahr 2010 hatte der Militärhaushalt der USA ein Volumen von fast 700 Milliarden Dollar.

Ihr Budgetdefizit wollen die USA bis 2015 unter die 6-Prozent-Marke drücken. Allerdings bergen die dafür nötigen zusätzlichen Sparmaßnahmen die große Gefahr, die Wirtschaft noch weiter ausbremsen – die aber hat ohnehin schon darunter zu leiden, dass das in der Krise 2009 beschlossene fast 800 Milliarden Dollar schwere Konjunkturprogramm ausläuft. Wie die Regierung von Präsident Obama aus der Zwickmühle zwischen Sparzwang und Konjunkturbelebung herauskommen will – noch dazu in einem Wahlkampfjahr mit seinen eigenen Gesetzen – ist derzeit nicht absehbar.

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