Hintergrundtext

Die Mittelschicht – eine Frage der Definition

Wer über das Wohl und Wehe der deutschen Mittelschicht diskutieren möchte, muss genau hinschauen. Denn hinter den scheinbar widersprüchlichen Meldungen zur Situation der Mitte in Deutschland stecken vor allem unterschiedliche Abgrenzungen und Definitionen.

Gründerzeitaltbauten im Prenzlauer Berg: Hier wohnen auch Familien mit Kindern gerne. FOTO: Fotolia/ArTo

Mutter (Krankengymnastin), Vater (Malermeister), zwei schulpflichtige Kinder und ein Reihenhaus im Neubaugebiet am Stadtrand. Ist das die typische deutsche Mittelschicht? Oder gehört dazu eher ein kinderloses Akademiker-Paar, bei dem beide gut verdienen und das in einer Altbauwohnung im Stadtzentrum wohnt? Über das, was die Mittelschicht ausmacht, gehen die Meinungen weit auseinander. Für eine ernsthafte Diskussion darüber, ob die Mittelschicht in Deutschland  tatsächlich so in Bedrängnis geraten ist, wie es die Medien in letzter Zeit oft berichten, genügen solche Klischees jedenfalls nicht. Doch konkreter zu werden, ist gar nicht so einfach. Denn es gibt keine einheitliche Definition der Mitte, sondern allenfalls verschiedene Ansätze, um Gesellschaftsschichten voneinander abzugrenzen:

  • Über soziokulturelle Merkmale wie den Bildungsstand oder den Erwerbsstatus
  • Über finanzielle Kriterien wie das Einkommen oder Vermögen.
  • Über subjektive Aspekte wie Wertvorstellungen und Selbsteinschätzung.

     

Die Mitte im soziologischen Sinn

Früher verlief die Grenze zwischen Unterschicht und Mittelschicht an der sogenannten Kragenlinie: Da gab es zum einen die körperlich tätigen Arbeiter und zum anderen die – meist besser bezahlten – Angestellten, die ihren Aufgaben in aller Regel mit Schlips und Kragen in einem Büro nachgingen. Im Englischen unterscheidet man noch heute zwischen Blue-Collar- und White-Collar-Jobs. Einen wichtigen Beitrag zur Aufhebung dieser Trennung leistete in Deutschland das 2003 zwischen IG Metall und Arbeitgeberverband Gesamtmetall geschlossene Entgelt-Rahmenabkommen (ERA), das für alle Beschäftigten eine einheitliche Tariflohnstruktur schuf. In der deutschen Rentenversicherung wurde die formelle Unterscheidung zwischen Arbeitern und Angestellten sogar erst 2005 abgeschafft.

Heute ziehen Sozialwissenschaftler vor allem Bildung und Qualifikation heran, um den gesellschaftlichen Status zu bestimmen. Mindestanforderung für die Mittelschicht ist ein Berufsabschluss. Es ist aber gut möglich, dass das auf mittlere Sicht nicht mehr genügt und in einigen Jahren schon Abitur und ein Studium erforderlich sind, um zur Mitte zu zählen. Weitere Mittelstandskriterien für die berufliche Tätigkeit sind ein gewisses Maß an Entscheidungsfreiraum und Eigenverantwortlichkeit.

Will man noch weitere soziologische Merkmale für die gesellschaftliche Mitte hinzuziehen, können dies zum Beispiel soziale Netzwerke und ein Wertesystem sein, dass sich im weitesten Sinn aus bürgerlichen Traditionen ableiten lässt. Beides ist mit der üblichen Statistik allerdings nur schwer zu erfassen.

Die Mitte im wirtschaftlichen Sinn

In ökonomischen Studien werden gesellschaftliche Schichten in aller Regel über das Haushaltseinkommen voneinander abgegrenzt. Dies hat den Vorteil, dass sich die Entwicklung im Zeitablauf genau nachvollziehen lässt. Außerdem ist das Einkommen ein zentrales Statusmerkmal, in dem sich viele soziologische Kriterien widerspiegeln. Je höher zum Beispiel die Bildung, desto höher ist in aller Regel auch das Einkommen.

Die Einkommensschichten werden im Verhältnis zum Medianeinkommen definiert. Trotz aller ökonomischen Präzision ist es jedoch schwierig, jene Grenzen festzulegen, die Einkommensarme von der Mittelschicht und diese von den Reichen trennen. Eine Möglichkeit ist es, soziokulturelle Kriterien zur Hilfe zunehmen. Man schaut also, in welchen Einkommensbereichen Haushalte zu finden sind, deren Mitglieder über eine entsprechende Bildung verfügen und entsprechende Berufe ausüben. Es zeigt sich, dass viele Mittelschichtsfamilien im Bereich des Medianeinkommens verdienen. Am stärksten besetzt ist der Bereich zwischen 80 und 150 Prozent des Medians. Aber auch über und knapp unter dieser Grenze finden sich noch viele durch und durch bürgerliche Haushalte.

Dieser großen Spanne kann man am ehesten dadurch Rechnung tragen, dass man die Gesellschaft nicht in Arm, Reich und Mitte teilt, sondern in fünf Einkommensgruppen (Grafik). Armutsgefährdung beginnt demnach gemäß der in der EU üblichen Definition bei weniger als 60 Prozent des Medians. Zwischen 60 und 80 Prozent bewegt sich die einkommensarme Mitte, und zwischen 150 und 250 Prozent liegt die einkommensstarke Mitte – zu der gehört zum Beispiel ein Alleinstehender, der monatlich zwischen 2.640 und 4.400 Euro netto verdient oder eine vierköpfige Familie mit 5.540 bis 9.230 Euro. Erst wer mehr verdient, wird als reich eingestuft.

Die klassische Mitte verfügt über ein Einkommen zwischen 80 und 150 Prozent des Medians. Bei einem Einpersonenhaushalt sind das derzeit 1.410 bis 2.640 Euro netto. Ein Paar ohne Kinder zählt bereits ab 2.110 Euro zur Mitte im engeren Sinn, während eine Familie mit zwei kleinen Kindern dazu schon 2.950 Euro benötigt. Im Vergleich zu Alleinlebenden erreichen doppelverdienende Paare und Familien die Einkommensmitte auch mit etwas weniger gut bezahlten Berufen, weil sie von Haushaltseinsparungen profitieren.

Derzeit gehören 48 Prozent der Bundesbürger zur eng abgegrenzten Einkommensmittelschicht. Nimmt man die einkommensschwache und die einkommensstarke Mitte hinzu, sind es sogar 80 Prozent.

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