Hintergrundtext

Tarifverhandlungen – ein eingespieltes Ritual

Parolen und Positionen zum Auftakt der Tarifverhandlungen 2009 in Darmstadt. Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertreter stehen Journalisten Rede und Antwort. FOTO: IW Medien/Ullrich Sorbe

Lange bevor ein Tarifvertrag ausläuft, gehen die Tarifpartner mit ihren konträren Positionen an die Öffentlichkeit. Die Diskussionen über das richtige Maß der Lohnerhöhung und weitere Forderungen spitzen sich zu. Die Tarifverhandlungen selbst folgen dann einem festen Ablauf.

„Die Beschäftigten sind in Vorleistung getreten und haben damit den wirtschaftlichen Erfolg erst möglich gemacht. Sie haben es verdient, dass das jetzt honoriert wird.“

In der Tarifrunde 2012 begründete IG-Metall-Chef Berthold Huber die Gewerkschaftsforderung von 6,5 Prozent mehr Lohn damit, dass die Beschäftigten der Metall- und Elektro-Industrie (M+E-Industrie) während der Wirtschaftskrise zu Kurzarbeit und zum Abbau von Arbeitszeitguthaben bereit waren. Martin Kannegießer, Präsident des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall entgegnete ihm:

„In dieser Höhe ist die Forderung für uns nicht nachvollziehbar. Die Gewerkschaft kann maximal 3 Prozent mit wirtschaftlichen Kennziffern begründen.“

Die beiden Zitate aus der M+E-Tarifrunde 2012 stehen exemplarisch für viele weitere Wortgefechte früherer – und auch kommender – Tarifverhandlungen. Denn diese laufen im Prinzip immer nach einem ähnlichen Schema ab.

Juristisch gesehen beginnt eine Tarifrunde mit der fristgerechten Kündigung des alten Vertrags. Meistens werden die Tarifpartner aber bereits im Vorfeld aktiv und versuchen, ihre Verhandlungspositionen durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit zu verbessern. Dann nimmt ein eingespieltes Ritual seinen Lauf:

  1. Kündigung des laufenden Tarifvertrags durch die Gewerkschaft. Sie fordert „deutlich höhere Tariflöhne“ sowie andere Verbesserungen der Arbeitsbedingungen.
  2. Schroffe Ablehnung der Gewerkschaftsforderung durch den Arbeitgeberverband als „völlig überzogen“, meist verbunden mit einem eigenen Angebot.
  3. Ebenso schroffe Ablehnung des Arbeitgeberangebots durch die Gewerkschaft. Tenor: „Das ist eine Kampfansage an Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen.“
  4. Öffentlicher Streit darüber, welche Belastungen die Gewerkschaftsforderungen den Unternehmen bringen würden, und darüber, was das Arbeitgeberangebot dem einzelnen Arbeitnehmer einbringt.
  5. Mehrfache Vertagung der Verhandlungen nach langwierigen Gesprächen mit großer Medienbegleitung.
  6. Androhung des Scheiterns der Verhandlungen, von den Gewerkschaften oft noch während der Friedenspflicht mit Warnstreiks begleitet.
  7. Die Einigung wird manchmal erst nach Arbeitskampf mit Streik, Aussperrung oder Schlichtung erzielt. Die Vertreter von Gewerkschaft und Arbeitgeberverband treten vor die Kameras und verkünden typischerweise einen „nach harten Verhandlungen gefundenen Kompromiss“, mit dem zwar „keiner zufrieden ist, mit dem man aber leben kann.“

Arbeitskämpfe gibt es auch in Deutschland regelmäßig, wenngleich nicht so oft wie etwa in Frankreich, und auch die mit Streik und Aussperrungen verbundenen Arbeitsausfälle halten sich hierzulande meist in Grenzen (Grafik). Eine besondere Rolle kommt dabei der Metall- und Elektro-Industrie zu: Weil sie durch ihre wirtschaftliche Stärke (Anteil an der Beschäftigung von etwa 10 Prozent) oft eine Vorreiterrolle für andere Branchen spielt, treten bei den Metallern auch die meisten Konflikte auf.

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