Wirtschaftslexikon

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Sozialkapital

In einer freien Ordnung können Wirtschaft und Gesellschaft nur dann erfolgreich sein, wenn sie über freiwillig geschaffene innere Bindungskräfte verfügen, die jenseits formaler und juristischer Regeln für einen Zusammenhalt sorgen. Neben dem Human-, Sach- und Geldkapital stellt das Sozialkapital eine vierte Vermögensleistung dar, die eine Gesellschaft zu diesem Erhalt innerer Kohäsion und erfolgreicher Kooperationen produzieren und akkumulieren muss.

Unter Sozialkapital versteht man Vertrauen, Normen, gegenseitige Unterstützung und informelle Beziehungen in einer Gesellschaft, die ein koordiniertes Verhalten der Mitglieder ermöglichen. Das Sozialkapital kann daher auch als Verlässlichkeitsgarant bezeichnet werden und charakterisiert die Beziehungen zwischen Personen oder Gruppen. Als organisiertes Beispiel für Sozialkapital können Verbände gelten (Korporatismussystem). Sie gehören zur Infrastruktur eingespielter Beziehungen und tragen durch Verhandlungen zur Kooperation, zu Kompromissen, zu Informationen und zur Interessenvertretung bei.

Auf Sozialkapital sind nicht nur die Individuen untereinander angewiesen, sondern auch die intermediäre Ebene der Verbände und Vereine. Auf der Ebene zwischen Staat und Wirtschaft bildet das Sozialkapital daher eine unerlässliche Voraussetzung einer nachhaltig guten und konstruktiven Kooperation im Sinne des Gemeinwohls. Schließlich bedürfen besonders marktwirtschaftliche Transaktionen dieser Vermögensleistung, um zu funktionieren (Vertrauen in den Marktpartner und sein Einhalten von Verträgen, Regeln und Normen).

Der Gebrauch des Kapitalbegriffs ergibt sich in diesem Zusammenhang aus dem Beitrag, den es im Hinblick auf Wohlfahrt und Wohlstand einer Gesellschaft leistet. Im Gegensatz zu den übrigen Kapitalvarianten lassen sich beim Sozialkapital jedoch weder so genannte Eigentümer und Eigentumsrechte definieren, noch ist seine Produktion beabsichtigt, sondern es ist ein nicht beabsichtigtes Nebenprodukt von Kooperationen, die primär andere Zwecke verfolgen.

Infolgedessen basiert es auch nicht auf konkreten Investitionsentscheidungen wie etwa die Bildung von Sachkapital. Sein Gebrauch mindert ebenso wenig seinen Wert; das Gegenteil kann der Fall sein. Allerdings unterliegt es der Missbrauchsmöglichkeit und kann wie auch die übrigen Kapitalvarianten zerstört werden. Oft kann sein Missbrauch auch negative Konsequenzen für die Bildung des übrigen Kapitals nach sich ziehen. Ein Zuviel an Sozialkapital kann schließlich zum Ausschluss von Individuen und Gruppen führen (closed-shop-Situation) und auch Innovationen erschweren, indem Neuerungen aufgrund von internen Gruppenzwängen unterbleiben.

Besonders im Verlauf der Modernisierung und Individualisierung wurde ein Zerfall des Sozialkapitals befürchtet (Vertrauensverluste, Schwächung der Institutionen wie Schule, Familie und Religionsgemeinschaften, zunehmende Scheu vor längerfristigen Bindungen). Doch empirisch ist kein dramatischer Rückgang feststellbar. Meist werden alte Formen des Sozialkapitals durch neue ersetzt. So tritt an die Stelle intrafamiliärer Hilfe oft die örtliche Nachbarschaftshilfe oder dem Rückgang der Mitgliedschaften bei etablierten Einrichtungen wie Gewerkschaften und Parteien steht ein Zuwachs des Engagements bei Bürgerinitiativen und Selbsthilfegruppen gegenüber.

Eine aktive direkte Förderung des Sozialkapitals seitens der Politik ist kaum möglich; am ehesten scheinen indirekte Maßnahmen wie das Vorbild und die Ermutigung oder die Bereitstellung infrastruktureller Bedingungen (z.B. Räumlichkeiten, Unterstützung von Kontakteinrichtungen, Anerkennung von Engagement, Unterstützung bürgerschaftlicher Formen aktiven Engagements) geeignet zu sein, das Sozialkapital in einer Gesellschaft zu stützen und zu mehren.

Insgesamt ist wegen der sozialen Natur des Menschen nicht damit zu rechnen, dass sich das Sozialkapital einer Gesellschaft verbraucht, ohne ersetzt zu werden; es unterliegt eher Schwankungen und einem steten Wandel. Jede Gesellschaft wird aus sich heraus immer wieder auf dem Wege der "spontanen Ordnungen" Formen von Sozialkapital herausbilden, die es braucht, um seine Probleme zu lösen. So lange sie sich bewähren, werden sie Bestand haben. Auch für die Formen des Sozialkapitals gilt, dass der Wettbewerb als ein geeignetes "Entdeckungsverfahren" (F.A. von Hayek) betrachtet werden kann. (Me)