Auf der Suche nach MINT-Fachkräften

Berufsorientierung und Arbeitsmarkt

Sekundarstufe I + II

Hintergrundtext
29.05.2024
57Downloads

Die Fachkräftelücke in den MINT-Berufen ist in den vergangenen zwölf Monaten kleiner geworden – allerdings nur aufgrund der konjunkturellen Lage in Deutschland. Am grundsätzlichen Mangel sowie den Auswirkungen des demografischen Wandels ändert das aber nichts. Vor allem drei Personengruppen könnten helfen, die Lücke zu verkleinern.

Die deutsche Wirtschaft steckt aktuell in der Rezession. Der konjunkturelle Einbruch macht sich auch auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar. So verkleinerte sich die Fachkräftelücke im Bereich der MINT-Berufe, also für Stellen mit den Schwerpunkten Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften oder Technik, von März 2023 bis März 2024 um rund 62.600.

Die Zahl der offenen MINT-Stellen ist aber weiter hoch, wie der MINT-Frühjahrsreport des IW zeigt: 

Im März dieses Jahres gab es 449.300 vakante MINT-Posten. Dem standen bundesweit 213.900 arbeitslose Personen gegenüber, die eine entsprechende Beschäftigung suchten.

Berücksichtigt man, dass nicht jeder Arbeitslose die passende Qualifikation besitzt, bleibt unter dem Strich eine Arbeitskräftelücke von 244.400 Personen. Die größte gibt es bei Facharbeitern (Grafik):

In Deutschland fehlten im März 2024 rund 111.500 MINT-Facharbeiter. Diese verfügen in der Regel über eine abgeschlossene Ausbildung in einem zugehörigen Beruf.

Knapp dahinter rangierten die MINT-Experten – dazu zählen vor allem Akademiker –  mit rund 106.000 fehlenden Kräften. 

Besser ist die Situation in der Gruppe der MINT-Spezialisten. Gut 26.900 Meister und Techniker bräuchte es in Deutschland, um die offenen Stellen zu besetzen.

Differenziert nach Bereichen ist die MINT-Lücke mit annähernd 78.000 fehlenden Fachkräften in den Energie- und Elektroberufen am größten, gefolgt von der Maschinen- und Fahrzeugtechnik mit gut 45.000.

Demografischer Wandel und steigender Bedarf durch den Klimaschutz werden die MINT-Lücke in Zukunft ohne Gegenmaßnahmen ganz von allein wachsen lassen.
Dass die MINT-Lücke nicht noch größer ausfällt, liegt in erster Linie an ausländischen Beschäftigten.

Vom vierten Quartal 2012 bis zum dritten Quartal 2023 stieg die Zahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Ausländer in MINT-Berufen um mehr als 110 Prozent. Die Beschäftigung deutscher Arbeitskräfte legte im selben Zeitraum um 7,5 Prozent zu. 

Zur Einordnung: Wäre die Zahl der ausländischen MINT-Kräfte nur in dem Maße gestiegen wie die der deutschen, würden in Deutschland heute etwa 442.000 MINT-Kräfte zusätzlich fehlen.

In der Langzeitbetrachtung gab es das stärkste Wachstum bei den MINT-Beschäftigten aus Flüchtlingsländern (Grafik):

Die Zahl von Menschen aus Afghanistan, Irak, Syrien und Eritrea in MINT-Berufen ist von Ende 2012 bis zum dritten Quartal 2023 um annähernd 2.000 Prozent gestiegen.

Absolut gesehen arbeiten nun statt gut 2.700 mehr als 56.500 Personen aus den vier Ländern im MINT-Bereich. Ebenfalls deutlich gestiegen – wenn auch bei Weitem nicht so stark – ist die Zahl der indischen und rumänischen MINT-Beschäftigten. 

Trotzdem bleiben die Sorgen in den MINT-Berufen groß, denn mehrere Entwicklungen werden die MINT-Lücke in Zukunft wohl wachsen lassen: So steigt einerseits der MINT-Bedarf durch die Digitalisierung und durch alle Maßnahmen zum Klimaschutz, während andererseits in den kommenden Jahren viele MINT-Beschäftigte in Rente gehen. Und dadurch, dass die nächste Generation auf dem Arbeitsmarkt zahlenmäßig kleiner ist, vergrößert sich die MINT-Lücke ohne Gegenmaßnahmen von ganz allein.

Potenzial in drei Gruppen

Drei Gruppen sollten Politik und Unternehmen deshalb besonders in den Blick nehmen, um sie für MINT-Jobs zu gewinnen:

Zuwanderer. Es bleibt das zentrale Ziel, Menschen aus anderen Ländern den Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt zu erleichtern. Mit den 2023 beschlossenen Änderungen am Fachkräfteeinwanderungsgesetz ist ein erster Schritt getan. Weitere sollten vor allem mit Blick auf den Bürokratieabbau folgen.

Außerdem sollte die Zuwanderung über die deutschen Hochschulen besser genutzt werden: Zugewanderte studieren besonders häufig MINT-Fächer. Bessere Unterstützungsangebote an Hochschulen könnten noch mehr von ihnen zu einem erfolgreichen Abschluss führen und dazu bewegen, nach dem Studium in Deutschland zu bleiben.

Frauen. In MINT-Berufen sind Frauen unterrepräsentiert. Um das zu ändern, sollte der Fokus in der Berufs- und Studienorientierung nicht nur auf technischen Aspekten der Jobs liegen, sondern auch die für MINT-Berufe wichtigen Fähigkeiten Kreativität, Innovationsdenken und Teamfähigkeit hervorheben. 

Auch die Bedeutung von MINT-Berufen für den Klimaschutz sollte stärker herausgestellt werden.

Ältere. Um die Folgen des demografischen Wandels abzufedern, gilt es, ältere Beschäftigte länger im Job zu halten. Mehr Weiterbildungsangebote auch von Hochschulen könnten Älteren helfen, mit den veränderten Anforderungen der Arbeitswelt wie KI optimal umzugehen. Darüber hinaus ist die Politik gefragt, die Anreize für einen späteren Renteneintritt zu vergrößern. Gleichzeitig müssen Fehlanreize wie die „Rente mit 63“ verschwinden.