Freie Presse in Not

Globalisierung und Europa

Sekundarstufe I + II

Hintergrundtext
26.06.2023
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Deutschland ist in der Rangliste der Pressefreiheit weiter abgerutscht – auch aufgrund einer Rekordzahl an Übergriffen auf Medienschaffende im vergangenen Jahr. Ein Großteil der Bevölkerung hierzulande steht den etablierten Medien aber weiterhin wohlgesonnen gegenüber und verlässt sich auf ihre Berichterstattung. Kritikpunkte gibt es trotzdem.

In der Türkei werden massenhaft Reporter festgenommen, Russland unterdrückt die unabhängige Berichterstattung, in China sitzen mehr als 100 Journalisten im Gefängnis. Krisen, Kriege und ein sich ausbreitender Autoritarismus haben dazu geführt, dass es um die globale Pressefreiheit so schlecht bestellt ist wie seit Langem nicht mehr.

Die Rangliste der Pressefreiheit 2023 unterstreicht die prekäre Lage. Mit „gut“ bewertet die Nichtregierungsorganisation Reporter ohne Grenzen die Situation in nur acht Staaten weltweit – 18 weniger als zehn Jahre zuvor. In 31 Ländern gilt die Lage als sehr ernst, insgesamt sind die Arbeitsbedingungen für Medienschaffende in rund 70 Prozent der 180 untersuchten Länder problematisch. Deutschland gehört mit dem Attribut „zufriedenstellend“ zu den anderen 30 Prozent, gibt aber kein rundum gutes Bild ab (Grafik):

Im Ranking der Pressefreiheit 2023 rutscht die Bundesrepublik im Vergleich zum Vorjahr um fünf Plätze auf Rang 21 ab.

Das liegt zum einen daran, dass sich einige Länder überdurchschnittlich verbessert haben und damit an Deutschland vorbeigezogen sind. Ein Beispiel ist Tschechien, wo unabhängige Informationsangebote, die als Reaktion auf die hohe Konzentration großer Mediengruppen aus der Taufe gehoben wurden, auf dem Vormarsch sind. Und in den Niederlanden zerschlugen die Behörden ein Verbrechersyndikat, das für mehrere Mordversuche an Journalisten verantwortlich ist.

Deutschland ist aber auch deshalb im Ranking abgerutscht, weil es 2022 am Rande von Demonstrationen eine Rekordzahl an Übergriffen auf Reporterinnen und Reporter gab. Insgesamt dokumentierte Reporter ohne Grenzen 103 körperliche Angriffe – rund 85 Prozent davon in verschwörungsideologischem, antisemitischem oder rechtsextremistischem Kontext.

Medienvertrauen in Deutschland gesamtgesellschaftlich auf hohem Niveau

Die Übergriffe bilden die unrühmliche Spitze des Argwohns einer kleinen Bevölkerungsgruppe gegenüber den etablierten Medien. Dieses Misstrauen verdeutlichen die neuesten Ergebnisse der Mainzer Langzeitstudie Medienvertrauen der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf aus dem Dezember 2022:

14 Prozent der Bundesbürger stimmten der Aussage zu, die Bevölkerung in Deutschland werde von den traditionellen Medien systematisch belogen.

Dass die traditionellen Medien mit der Politik Hand in Hand arbeiten, um die Meinung der Bevölkerung zu manipulieren, bejahte sogar jeder Fünfte.

Gesamtgesellschaftlich liegt das Medienvertrauen in Deutschland allerdings auf einem hohen Niveau. So gab rund die Hälfte der Bundesbürger an, den Medien bei wichtigen Themen uneingeschränkt zu vertrauen. Je nach Medium variiert das Vertrauen allerdings stark (Grafik):

62 Prozent der Bundesbürger bewerten die Inhalte des öffentlich-rechtlichen Fernsehens als vertrauenswürdig – nur rund ein Fünftel sagt dies über die privaten Sender.

Ein ebenfalls überdurchschnittliches Vertrauen gibt es in die Angebote von lokalen und überregionalen Zeitungen. Auf Informationen in Boulevardzeitungen verlassen sich dagegen nur 4 Prozent der Befragten.

Kritik an Strukturen der öffentlich-rechtlichen Sender

Damit wird dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen unter den verschiedenen Informationsquellen zwar das meiste Vertrauen entgegengebracht, jedoch weniger als in den Jahren zuvor. Noch nie seit Beginn der Langzeitstudie schenkten anteilig so wenige Bundesbürger ARD, ZDF und den dritten Programmen grundsätzlich Glauben. 2020 waren es noch 8 Prozentpunkte mehr.

Das liegt gar nicht so sehr an den ausgestrahlten Inhalten. 72 Prozent der Bundesbürger halten die Informationsangebote des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (ÖRR) für wichtig, rund zwei Drittel attestieren den Sendern einen bedeutsamen Beitrag zur Demokratie in Deutschland. Kritikpunkt sind vielmehr die Strukturen der Sender: 40 Prozent der Befragten sind der Meinung, der ÖRR sei zu aufgebläht und bürokratisch. Bemängelt wird zudem, dass verschwenderisch mit den Rundfunkbeiträgen umgegangen werde und die Sender zu eng mit der Politik verflochten seien.

Ob sich jemand auf den ÖRR verlässt, hängt zu einem gewissen Teil auch von sozio-ökonomischen Merkmalen ab. In den westdeutschen Bundesländern ist der Anteil jener Personen, die den Informationen vertrauen, mit 66 Prozent deutlich höher als in den ostdeutschen (41 Prozent). Ähnlich groß ist der Unterschied zwischen Menschen mit Abitur (78 Prozent) und mit Hauptschulabschluss (56 Prozent). Und auch mit Blick auf die politische Präferenz zeigt sich ein starkes Gefälle: Unter Wählern der Grünen ist das Vertrauen in die Sendeanstalten mit 84 Prozent am höchsten, bei AfD-Anhängern mit 18 Prozent mit großem Abstand am niedrigsten.

Dieser Artikel erschien zuerst auf iwd.de