Schlaglöcher für die deutsche Wirtschaft

Staat und Wirtschaftspolitik

Sekundarstufe I + II

Hintergrundtext
20.12.2022
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Von der Logistik bis zur Energieversorgung – für die Wirtschaft ist eine gute Infrastruktur elementar. Daher sind die Ergebnisse einer neuen IW-Studie alarmierend: Die Zahl der Unternehmen in Deutschland, die durch eine mangelhafte Infrastruktur in ihren Abläufen beeinträchtigt werden, ist drastisch gestiegen.

Eingeschränkte Schifffahrt wegen Niedrigwasser, Brückensperrung auf der A 45, bundesweite Verzögerungen auf der Schiene durch einen Güterzugunfall bei Hannover – in den vergangenen Monaten gab es viele schlechte Nachrichten zur Infrastruktur in Deutschland. Wie sehr Mängel, Schäden und Investitionsstau die deutschen Unternehmen in ihrer Geschäftstätigkeit beeinflussen, wollte das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) genauer wissen. Deshalb haben die Forscher im Sommer 2022 zum dritten Mal nach 2013 und 2018 Firmen nach ihrer Einschätzung zur Infrastruktur gefragt. Die Ergebnisse sind besorgniserregend (Grafik):

Nahezu 80 Prozent der knapp 1.800 befragten Unternehmen werden durch Infrastrukturmängel beeinträchtigt, 2013 waren es „nur“ 59 Prozent.

Während der Anteil der Firmen mit geringen Beeinträchtigungen nahezu konstant blieb und nun 52 Prozent beträgt, stieg er bei den massiv betroffenen Unternehmen auf 27 Prozent. In der Erstbefragung 2013 gaben noch 11 Prozent an, starke Nachteile durch die bestehende Infrastruktur zu haben, 2018 waren es schon 16 Prozent. In der aktuellen Befragung waren auch erstmals mehr Firmen stark als gar nicht beeinträchtigt.

Das IW hat aber nicht nur die generelle Betroffenheit abgefragt, sondern auch die einzelnen Infrastrukturbereiche in den Fokus genommen. Die von Mängeln eingeschränkten Unternehmen konnten ihre Bewertungen zum Straßen-, Luft- und Schienenverkehr, zum Kommunikationsnetz und zur Energieversorgung abgegeben. Vor allem zwei Sektoren fallen negativ auf (Grafik):

Im Schiffsverkehr und bei der Energieversorgung haben sich die Bedingungen für die deutsche Wirtschaft massiv verschlechtert.

Mit Blick auf die Schifffahrt stieg der Anteil der stark beeinträchtigten Unternehmen seit 2018 von 3 auf 24 Prozent. Dafür gibt es zwei Ursachen. Zum einen stauten und stauen sich durch gestörte internationale Lieferketten immer wieder Containerschiffe vor Seehäfen. In der Folge kam beziehungsweise kommt es zu Verzögerungen beim Weitertransport von Waren. Zum anderen hat das Niedrigwasser im Sommer auf der wichtigsten deutschen Wasserstraße, dem Rhein, dafür gesorgt, dass Schiffe nur noch mit verringerter Ladung fahren konnten. Beides hat indirekt Einfluss auf viele Firmen.

Die zweite große Baustelle ist aus Unternehmersicht die Energieversorgung: So sehen sich 62 Prozent der Firmen hier beeinträchtigt, 2018 waren es nur 28 Prozent. Auch wenn die Energiepreise durch die Fragestellung explizit als Bewertungskriterium ausgeschlossen wurden, deuten die Zahlen darauf hin, dass die hohen Preise maßgeblich für die Einschätzung der Unternehmen sind. Denn bereits bei der Befragung im Jahr 2013 korrelierten hohe Preise und die hohe Zahl der Firmen mit Beeinträchtigungen durch den Energiesektor. 2018 verhielt es sich bei eher niedrigen Energiekosten genau andersherum – weniger Unternehmen sahen in der Energieversorgung ein Geschäftshindernis.

Das größte Sorgenkind bleibt für die Unternehmen aber weiterhin der Straßenverkehr. Acht von zehn Firmen mit Beeinträchtigungen bereiten Straßenschäden, Baustellen und Staus Probleme.

Im Jahr 2018 war der Anteil mit 72 Prozent noch etwas niedriger. Am schlechtesten bewerten die Unternehmen in Nordrhein-Westfalen das Straßennetz – für 42 Prozent wirkt sich dessen Zustand stark negativ auf das Geschäft aus.

Der einzige abgefragte Sektor in der IW-Studie, der einen positiven Trend zeigt, ist der Kommunikationsbereich. Hier sank der Anteil der durch Infrastrukturmängel stark betroffenen Unternehmen zuletzt von 28 auf 21 Prozent. Die gestiegenen Anforderungen durch vermehrtes Homeoffice scheinen Investitionen angeschoben und die Lage leicht verbessert zu haben. Dennoch bleibt auch das Kommunikationsnetz ein Problemfeld, schließlich klagen immer noch 68 Prozent über Mängel.

Gefahr für den Standort Deutschland

Die IW-Ergebnisse zeigen neben einer generellen massiven Unzufriedenheit, dass größere Firmen tendenziell stärker in den eigenen Geschäftsabläufen durch eine mangelhafte Infrastruktur gebremst werden als kleinere. Jedes dritte Unternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitern sieht sich dadurch stark beeinträchtigt. Keine Probleme melden lediglich 16 Prozent. Zum Vergleich: Von den kleinen Firmen mit maximal neun Mitarbeitern kämpft jedes fünfte sehr mit Mängeln, für 35 Prozent läuft alles reibungslos.

Für den Standort Deutschland zeichnen die Ergebnisse insgesamt ein schlechtes Bild. Schließlich ist eine stabile Infrastruktur die Grundlage für eine positive Entwicklung der Wirtschaft.

Um Verbesserungen zu erzielen, sollte der Staat dringend in die Infrastruktur investieren – und zwar nicht nur, um den bestehenden Mangel zu verwalten, sondern um spürbare Fortschritte zu erzielen. Zwar hat der Bund in den vergangenen Jahren seine Investitionen deutlich erhöht. Berücksichtigt man aber beispielsweise die gestiegenen Preise im Bausektor, wirkt die Auflistung gar nicht mehr so positiv (Grafik):

Die preisbereinigte Summe aller Investitionen des Bundes in die Infrastruktur ist im laufenden Jahr wieder auf dem Niveau von 2009 angekommen.

Nur im Jahr 2021 lagen die realen Ausgaben oberhalb von 13 Milliarden Euro. Hier gab es allerdings einen Sondereffekt, weil die Deutsche Bahn in diesem Jahr eine Eigenkapitalerhöhung durchgeführt hat.

Die niedrigen Investitionen sind allerdings nur ein Problem, ein weiterer Hemmschuh sind die langen Planungsverfahren für neue Infrastrukturprojekte. So dauert es bei einem neuen Schienenweg mit mehr als 30 Kilometer Länge im Schnitt 274 Monate oder umgerechnet fast 23 Jahre vom Beginn der Vorplanung bis zur Eröffnung. Für Fernstraßen sieht die Bilanz nur unwesentlich besser aus: Projekte von mehr als 20 Kilometer Länge brauchen knapp 19 Jahre, bis sie freigegeben werden können.

Als drittes Hindernis kommt der Fachkräftemangel hinzu. Den Behörden fehlen unter anderem Bauingenieure, um neue Projekte schneller verwirklichen zu können. Und auch im Straßen- sowie Tiefbau reichen die Fachkräfte vorne und hinten nicht aus, was zu weiteren Verzögerungen bei der Sanierung und dem Ausbau von Straßen, Brücken und Schienen führt.

Dieser Artikel erschien zuerst auf iwd.de