Wirtschaftskriminalität in Deutschland nimmt drastisch zu

Staat und Wirtschaftspolitik

Sekundarstufe II

Hintergrundtext
29.04.2024
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In Deutschland wurden im Jahr 2022 mehr als 73.000 Wirtschaftsdelikte registriert. Obwohl wirtschaftskriminelle Handlungen nur einen geringen Anteil an allen Straftaten ausmachen, ist der Schaden, der durch Insolvenzdelikte und Betrug entsteht, enorm.

Männlich, Ende 30 bis Mitte 40, hohes Bildungsniveau, mehrjährige Berufserfahrung in einer Führungsposition. Was sich wie eine klassische Partnerschaftsannonce liest, sind die typischen soziodemografischen Merkmale eines Wirtschaftskriminellen. Erst die Persönlichkeitsmerkmale, die diese Täter überproportional aufweisen, dürften wenig Resonanz bei Kontaktanzeigen erzeugen: Wirtschaftskriminelle sind zwar oft extrovertiert und offen für neue Erfahrungen, aber auch tendenziell neurotisch, wenig gewissenhaft und sozial unverträglich. Auch Narzissmus ist bei ihnen häufiger anzutreffen.

Warum sollte man all dies wissen? Weil Wirtschaftskriminalität ein wachsendes Problem ist, das nur mithilfe von umfangreichem Wissen – auch über die Täter – und entsprechender Prävention angegangen werden kann. Ein paar Zahlen dazu (Grafik):

Im Jahr 2022 erfasste das Bundeskriminalamt gut 73.000 Fälle von Wirtschaftskriminalität in Deutschland – das waren fast 22.000 Fälle mehr als im Jahr zuvor.

In Bezug auf alle polizeilich bekannt gewordenen Straftaten kamen die Wirtschaftsdelikte im Jahr 2022 zwar gerade einmal auf einen Anteil von 1,3 Prozent, doch der monetäre Schaden war mit annähernd 2,1 Milliarden Euro beträchtlich und belief sich auf mehr als ein Drittel des Gesamtschadens aller Straftaten. Anders ausgedrückt: Wirtschaftskriminelle Handlungen werden im Vergleich zu anderen Delikten und Vergehen in Deutschland zwar relativ selten begangen, ihr ökonomischer Schaden ist jedoch sehr groß.

Das Bundeskriminalamt unterscheidet Fälle von Wirtschaftskriminalität in sieben Deliktsbereichen. Im Jahr 2022 drehten sich die meisten Wirtschaftsdelikte um Betrug (Grafik):

Fast 54.000 Betrugsfälle führten in Deutschland im Jahr 2022 zu einem Schaden von 887 Millionen Euro.

Den zweitgrößten Schaden verursachten Insolvenzdelikte mit 859 Millionen Euro – allerdings war die Zahl dieser Straftaten mit knapp 6.400 deutlich niedriger als bei den Betrugsfällen.

Bundesländer unterschiedlich betroffen

Im Bundesländervergleich hatte Schleswig-Holstein mit 34.800 Wirtschaftsdelikten im Jahr 2022 die höchste Fallzahl, gefolgt von Nordrhein-Westfalen mit 8.245 und Berlin mit 6.517 Wirtschaftsstraftaten. Die wenigsten wirtschaftskriminellen Handlungen verzeichneten Sachsen-Anhalt (620), Thüringen (611), Mecklenburg-Vorpommern (538) sowie das Saarland (409).

Grundsätzlich werden viele Straftaten in Deutschland nicht aufgeklärt – bei Wohnungseinbrüchen beispielsweise beträgt die Rate nur rund 16 Prozent. Das ist bei bekannt gewordenen Wirtschaftskriminalfällen anders:

Die Aufklärungsquote von Wirtschaftsdelikten lag 2022 bei annähernd 92 Prozent.

Das ist darauf zurückzuführen, dass die Person, die die Anzeige aufgibt, oftmals auch gleich den oder die wirtschaftskriminellen Tatverdächtigen nennen kann. Allerdings ist bei Wirtschaftsdelikten von einer hohen Dunkelziffer auszugehen. Eine repräsentative Untersuchung der Unternehmensberatung KPMG aus dem Jahr 2023 zeigt, dass sich von 1.001 Unternehmen in Deutschland jedes dritte mit wirtschaftskriminellen Sachverhalten konfrontiert sah. Eine Studie der Unternehmensberatung PWC kommt sogar zu dem Ergebnis, dass im Jahr 2022 weltweit nahezu jedes zweite Unternehmen von Wirtschaftskriminalität betroffen war.

Unabdingbar: Prävention

Um das wachsende Problem der Wirtschaftskriminalität einzudämmen, sind auch die Unternehmen selbst gefordert. Sie können die Zahl der Delikte mittels Präventionsmaßnahmen reduzieren. Einige Beispiele:

  • Firmen sollten regelmäßige Schulungen anbieten, die ethische Grundsätze und rechtliche Anforderungen thematisieren. Ebenso hilfreich sind IT-Schulungen, die die Wahrnehmung von und das Wissen über Cyberattacken verbessern.
  • Unternehmen sollten Anlaufstellen im Betrieb einrichten, bei denen Mitarbeiter anonym Hinweise auf mögliches Fehlverhalten äußern können.
  • Vorgesetzte sollten im Rahmen von Führungskräftemeetings regelmäßig daran erinnert werden, dass sie eine Vorbildrolle haben.
  • Um sich vor externen Cyberangriffen zu schützen, sind oftmals technische Aufrüstungen erforderlich. Beim Eingehen neuer Geschäftsbeziehungen sollten Unternehmen darauf achten, dass der Handelspartner ebenfalls Wert auf Präventionsmaßnahmen gegen Wirtschaftskriminalität legt.
  • Informationsmaterial sollte sich den sogenannten Framing-Effekt zunutze machen: Die Aufforderung „Sei kein Betrüger“ führt im Test dazu, dass die Teilnehmer weniger schummeln, als wenn sie „betrüge nicht“ lesen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf iwd.de