Private Hochschulen immer beliebter

Unternehmen und Markt

Sekundarstufe I + II

Hintergrundtext
27.06.2023
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Obwohl sie Studiengebühren verlangen, werden die mehr als 100 privaten Hochschulen in Deutschland immer beliebter. Was ihre Attraktivität ausmacht, hat nun das IW erstmals empirisch untersucht.

Jede Uni wirbt mit berühmten Absolventen. In Deutschland traf dies bislang vor allem auf staatliche Einrichtungen zu, da es in der Nachkriegszeit schlichtweg kaum private Hochschulen gab. Eine der wenigen Ausnahmen bildet die älteste private Hochschule Deutschlands, die bereits 1816 in Bochum gegründete Technische Fachhochschule Georg Agricola. Erst seit der Jahrtausendwende ist eine etwas größere Zahl privater Einrichtungen entstanden.

Laut Statistischem Bundesamt gab es im Jahr 2021 in Deutschland 114 private Hochschulen.

Mit 86 sind der überwiegende Teil Hochschulen für angewandte Wissenschaften oder Fachhochschulen, die insbesondere berufsbegleitende Studienangebote ermöglichen. Hinzu kommen 21 Universitäten, drei Kunsthochschulen und drei theologische Hochschulen sowie eine Verwaltungshochschule.

Obwohl sich private Hochschulen – anders als staatliche Einrichtungen – zu rund 80 Prozent über Studiengebühren finanzieren, entscheiden sich immer mehr Menschen für eine akademische Ausbildung an einer privaten Institution (Grafik):

Im Zeitraum zwischen 2011 und 2021 hat sich die Zahl der Studenten an privaten Hochschulen in Deutschland von 125.000 auf mehr als 342.000 nahezu verdreifacht.

Da im selben Zeitraum die Gesamtzahl der Studenten nur um rund ein Viertel gestiegen ist, hat sich der Anteil der Privathochschüler an allen Hochschülern von rund 5 Prozent auf knapp 12 Prozent mehr als verdoppelt.

Der überwiegende Teil der Studenten an privaten Hochschulen befindet sich im Erststudium und strebt einen Bachelorabschluss an. Im Wintersemester 2021/22 war mehr als ein Drittel der Studenten in einem wirtschaftswissenschaftlichen Studiengang eingeschrieben, rund 13 Prozent belegten Psychologie und jeweils 10 Prozent Sozialwesen und Gesundheitswissenschaften (ohne Medizin), zu denen Fächer wie Pflegewissenschaften, Gesundheitsmanagement und Gesundheitspädagogik zählen.

Im Bereich der Gesundheitswissenschaften waren an den privaten Hochschulen im Wintersemester 2021/22 mit rund 34.000 fast genauso viele Studenten eingeschrieben wie an öffentlichen Hochschulen (36.700). Letztere machten allerdings nur gut 1 Prozent aller Studenten an den öffentlichen Unis aus.

Motive für ein Studium an einer privaten Hochschule

Warum sich Menschen in Deutschland für eine private oder öffentliche Hochschule entscheiden, hat nun das IW erstmals empirisch im Auftrag für den Verband der Privaten Hochschulen untersucht. Das häufigste Motiv ist dabei für beide Hochschulformen gleich (Grafik):

Das Interesse an den Studieninhalten ist beziehungsweise war für 82 Prozent der Studenten und Absolventen privater Hochschulen ausschlaggebend für die Wahl ihrer akademischen Einrichtung, an öffentlichen Hochschulen gilt dies für 83 Prozent.

Ähnlich wichtig ist beiden Gruppen auch der Wunsch, im aktuellen Beruf voranzukommen. Deutlich mehr Wert legen Studenten und Absolventen privater Hochschulen als solche von öffentlichen Einrichtungen darauf, sich auf die Unsicherheiten der Arbeitswelt vorbereiten und „etwas bewegen“ zu wollen.

Noch größere Unterschiede gibt es hinsichtlich der Frage, inwieweit das Studium auf eine spätere Selbstständigkeit vorbereiten soll: Dieser Aspekt ist für 46 Prozent der Studenten und Absolventen privater Hochschulen relevant, aber nur für 29 Prozent derjenigen, die an einer öffentlichen Hochschule eingeschrieben sind oder waren. Hier spiegelt sich ein Merkmal der privaten Hochschulen wider: Sie vermitteln oftmals schwerpunktmäßig Managementfähigkeiten für das Unternehmertum.

Zufriedener als Studenten und Absolventen von öffentlichen Hochschulen sind Privathochschüler außerdem bezüglich der Praxisnähe und Betreuungsrelation ihrer gewählten Institution. Studenten, die für ein Teilzeit- oder Fernstudium an einer privaten Hochschule immatrikuliert sind, schätzen überdies die Flexibilität, die in der deutschen Hochschullandschaft in dieser Form bislang eher selten ist.

Was berühmte Alumni angeht, können private Hochschulen übrigens inzwischen mit staatlichen Unis mithalten. So ist beispielsweise Marco Vietor, Mitgründer des weltweit größten Online-Hörgeräte-Anbieters audibene, Absolvent einer deutschen Privathochschule.

Dieser Artikel erschien zuerst auf iwd.de