Der Lehrermangel in Deutschland verschärft sich

Berufsorientierung und Arbeitsmarkt

Sekundarstufe I + II

Hintergrundtext
28.06.2022
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Der Schein trügt: Zwar ist die Lehrerschaft in Deutschland im vergangenen Jahrzehnt deutlich jünger geworden, sodass in naher Zukunft keine besonders große Verrentungs- und Pensionierungswelle bevorsteht. Trotzdem dürften schon Mitte der 2020er Jahre Zehntausende Lehrer und Lehrerinnen fehlen – der aktuelle Mangel an Lehrkräften verschärft sich also weiter.

Vor rund zehn Jahren war die Lehrerschaft in Deutschland stark überaltert: Im Schuljahr 2010/2011 war fast ein Drittel der Lehrkräfte mindestens 55 Jahre alt – 2020/2021 lag dieser Anteil nur noch bei knapp einem Viertel. Während die Erwerbstätigen insgesamt immer älter werden, hat also bei den Lehrkräften eine Verjüngung stattgefunden. Damit ist auch der Anteil derer kleiner geworden, die in absehbarer Zeit in den Ruhestand gehen.

Hinzu kommt: Obwohl die Zahl der Schülerinnen und Schüler im vergangenen Jahrzehnt um fast 7 Prozent gesunken ist, stieg die Zahl der Lehrkräfte – gerechnet in Vollzeitäquivalenten – im gleichen Zeitraum bundesweit um fast 4 Prozent. Dabei gibt es allerdings deutliche regionale Unterschiede: Die Spanne reicht von fast 21,6 Prozent in Berlin bis zu minus 5,6 Prozent in Sachsen-Anhalt.

Dass es ab 2030 trotzdem zu wenige Lehrer und Lehrerinnen geben könnte, liegt an den stark gestiegenen Geburtenzahlen in den 2010er Jahren. Der neue Babyboom zeigt sich derzeit nur an den Grundschulen, wird aber noch in den 2020er Jahren auch die weiterführenden Schulen erreichen (Grafik):

Laut Kultusministerkonferenz werden die Schülerzahlen an den allgemeinbildenden Schulen bis zum Schuljahr 2030/2031 bundesweit um 9 Prozent steigen – für die Sekundarstufe I wird sogar ein Plus von mehr als 15 Prozent erwartet.

Auch hier gibt es große regionale Unterschiede. Während Berlin mit gut 17 Prozent den größten Schülerzuwachs zu erwarten hat, werden die Zahlen in Sachsen-Anhalt um 0,6 Prozent und im Saarland sogar um 1,6 Prozent sinken.

Um nun zu ermitteln, wie viele Lehrkräfte gebraucht werden, hat das IW zunächst die Schüler-Lehrer-Relation von heute fortgeschrieben. Über alle Schularten gerechnet kommen heute knapp 16 Schüler auf eine Lehrkraft. Hochgerechnet mit den steigenden Schülerzahlen ergibt sich daraus ein wachsender Bedarf an Lehrpersonal (Grafik):

Im Schuljahr 2020/2021 gab es rund 761.000 Lehrerinnen und Lehrer – im Schuljahr 2025/2026 werden voraussichtlich rund 799.000 Lehrkräfte gebraucht, in den Schuljahren 2030/31 und 2035/36 sogar 836.000.

Vergleicht man nun den künftigen Bedarf an Lehrkräften mit dem voraussichtlich verfügbaren Lehrpersonal, ergibt sich eine große Lücke:

Im Schuljahr 2025/2026 werden voraussichtlich 35.000 Lehrerinnen und Lehrer fehlen – fünf Jahre später sind es schon 68.000 und 2035/2036 sogar 76.000.

Die Qual der Zahl

Diese Zahlen sind deutlich pessimistischer als die von der Kultusministerkonferenz zusammengetragenen Prognosen der Länder. Folgt man den Länderdaten, ergibt sich für 2025/26 ein Mangel von lediglich 26.000 Lehrern und Lehrerinnen, im Schuljahr 2030/2031 würden 33.000 Lehrkräfte fehlen und 2035/2036 nur noch 24.000. Nutzen die Kultusministerien diese Zahlen für ihre längerfristigen Planungen, besteht die Gefahr, dass Deutschland zu wenig unternimmt, um die erwartbaren Lehrkräfteengpässe so weit wie möglich einzudämmen.

Dies gilt umso mehr, als der Lehrkräftebedarf sogar noch höher liegen könnte als berechnet. Das wäre zum Beispiel der Fall, wenn die Schulen in sozialen Brennpunkten zusätzliche Lehrkräfte zugewiesen bekommen oder sich mehr junge Menschen entscheiden, aufs Gymnasium zu gehen und eine akademische Ausbildung anzustreben.

Auch eine stark steigende Zuwanderung – wie derzeit aus der Ukraine – würde die Schülerzahlen und den Bedarf an Lehrkräften entsprechend erhöhen. Allerdings lässt sich noch nicht abschätzen, wie viele Kinder und Jugendliche aus dem Kriegsgebiet tatsächlich nach Deutschland kommen und bleiben.

Gleichzeitig sollte Deutschland vor dem Hintergrund seines Fachkräftemangels auch gezielt junge Menschen aus dem Ausland für eine schulische und betriebliche Ausbildung gewinnen. Dazu müssen ebenfalls entsprechende Kapazitäten an den beruflichen Schulen geschaffen werden.

Was zu tun ist

Um den Lehrkräfteengpässen bereits kurz- und mittelfristig entgegenzuwirken, wird es keineswegs ausreichen, mehr Menschen für ein Lehramtsstudium zu gewinnen – denn dann dauert es mindestens acht Jahre, bis diese Lehrkräfte den Schulen zur Verfügung stehen.

Vielmehr müssen auch Quereinsteiger gezielt gefördert und durch entsprechende Nachqualifizierungen auf den Schuldienst vorbereitet werden. Dieser Weg verspricht allerdings nur dann Erfolg, wenn der Lehrerberuf für Quereinsteiger auch finanziell attraktiv ist.

Ein besonderes Problem gibt es bei MINT-Akademikern, also Absolventen der Fachrichtungen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. In diesen Fächern ist der Mangel an Lehrkräften schon heute groß. Da aber auch die Wirtschaft MINT-Fachkräfte sucht und in der Regel besser zahlt als der Bildungssektor, dürfte es nur schwer möglich sein, die Zahl der MINT-Lehrkräfte nachhaltig zu steigern.

Hilfreich wäre es, die Lehrkräfte noch stärker durch multiprofessionelle Teams zu unterstützen und so von Aufgaben zu entlasten, die mit ihrem regulären Unterricht nichts oder nur wenig zu tun haben – Beispiele sind die Elternarbeit und die Digitalisierung.

Dieser Artikel erschien zuerst auf iwd.de.