Informationsverhalten: Gespräche und klassische Medien liegen vorn

Haushalt und Geld

Sekundarstufe I + II

Hintergrundtext
06.11.2020
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Um sich über politische Themen zu informieren, nutzen die meisten Deutschen neben dem persönlichen Gespräch immer noch am liebsten die klassischen Rundfunk- und Printmedien. Doch soziale Medien gewinnen zunehmend an Bedeutung – und damit auch die Tendenzen zu Verschwörungsmythen.

Woher beziehen die Bundesbürger ihre Informationen über politische Themen? Dieser Frage ist das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) im Rahmen eines gemeinsamen Projekts mit der Ruhruniversität Bochum im Auftrag der BROST-Stiftung nachgegangen. Dazu befragten sie insgesamt knapp 1.100 Menschen im ganzen Land zu ihrem Medienverhalten. 

Wichtigstes Kommunikationsmittel ist demnach – wenig überraschend - das Gespräch (Grafik):

Mehr als 95 Prozent der Deutschen nutzen persönliche Gespräche, um sich über politische Themen zu informieren.

Direkt dahinter folgen die überregionalen, öffentlich-rechtlichen Rundfunkmedien mit knapp 90 Prozent. Auch Lokalmedien haben eine hohe Relevanz für die Menschen, von den klassischen Medien fallen lediglich die Boulevardzeitungen mit nur 42 Prozent Nutzung deutlich ab.

Die sozialen Medien werden dagegen deutlich seltener genutzt, um sich politisch zu informieren. Doch immerhin die Hälfte der Befragten gab an, zur Informationsbeschaffung auch Youtube und Facebook zu verwenden.

Es lässt sich also festhalten: Die traditionellen Medien dominieren das politische Informationsverhalten der Deutschen. Doch die Bedeutung der sozialen Medien ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. So hat sich allein die Zahl der Nutzer vom Kurznachrichtendienst Twitter seit 2012 nahezu vervierfacht.

Nicht ganz unerwartet ist der Befund, dass sich vor allem jüngere Menschen über soziale Medien informieren. Die Videoplattform Youtube ist in der Altersgruppe der 20- bis 29-Jährigen sehr beliebt. Facebook und Twitter werden stärker von Menschen unter 40 genutzt.

Schaut man sich die Antworten nach Geschlecht an, so fällt auf, dass Männer häufiger Twitter, Telegram und YouTube nutzen als Frauen.
Neben der Nutzung als politische Informationsquelle haben die Forscher der Uni Bochum und des IW auch nach der Glaubwürdigkeit gefragt (Grafik): 

Das persönliche Gespräch halten mehr als 80 Prozent der Befragten für glaubwürdig.

Drei von vier Befragten stufen den überregionalen öffentlich-rechtlichen Rundfunk, den lokalen Rundfunk sowie Lokalzeitungen als glaubwürdig ein. Die schlechtesten Werte erhielten die Boulevardzeitungen, Twitter und Telegram – sie alle liegen unter 20 Prozent eingeschätzter Glaubwürdigkeit.

Das hohe Vertrauen in die traditionellen Medien ist aber keine Selbstverständlichkeit, wie ein Blick über den Atlantik zeigt. Befeuert durch ständige verbale Attacken des Präsidenten Donald Trump haben die klassischen Print- und Rundfunkmedien in den USA massiv an Kredit in der Bevölkerung eingebüßt. 

Für die Anhänger der Republikaner gibt es nur ein einziges traditionelles Medium, dem mehr als ein Drittel das Vertrauen aussprechen – und das ist der Trump-nahe TV-Sender Fox News. 

Am Beispiel der USA zeigt sich, dass auch eine westliche Demokratie nicht vor einer medialen Vertrauenserosion gefeit ist. 

Die Analyse für Deutschland zeigt, dass Menschen Medien, die sie selbst nutzen, als glaubwürdiger einschätzen. Ob nun die verstärkte Nutzung die Glaubwürdigkeit erhöht oder sich die Auswahl der Medien nach der vermuteten Glaubwürdigkeit richtet, lässt sich anhand dieser Studie nicht beurteilen.

Auffällig ist aber, dass drei Viertel jener Befragten, die YouTube und Twitter nutzen, den jeweiligen Kanal in Sachen politische Informationen als glaubwürdig einstufen. Bei Telegram liegt der Wert sogar bei 97 Prozent. 

Die hohe Glaubwürdigkeit dieser Dienste und Plattformen bei den häufigen Nutzern birgt Gefahren. So zeigte eine Recherche des NDR im Sommer 2020, dass im Zuge der Proteste gegen die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung über Telegram Verschwörungsmythen verbreitet wurden. Auch auf YouTube werden krude Theorien verbreitet. 

Dass solche Botschaften über die sozialen Medien auf fruchtbaren Boden fallen, zeigt die Analyse ebenfalls (Grafik):

Drei Viertel der regelmäßigen Telegram-Nutzer stimmen der Aussage „Die Medien und die Politik stecken unter einer Decke“ eher oder voll zu.

Bei YouTube sind es knapp 44 Prozent, Facebook und Twitter liegen mit 37 Prozent ebenfalls deutlich vor allen klassischen Medien.

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei Einschätzung der Aussage „Es gibt geheime Organisationen, die großen Einfluss auf politische Entscheidungen haben“. Auch hier liegen die Zustimmungswerte für Nutzer, die YouTube oder Telegram häufig verwenden, über dem Durchschnitt. Darüber hinaus scheinen besonders solche Personen zu Verschwörungsglauben zu neigen, die den überregionalen öffentlich-rechtlichen Rundfunk meiden.

Plattformen, die Informationen bereitstellen, ohne sie unabhängig zu bewerten und auszuwählen, können also die Verbreitung von Falschinformationen begünstigen und so auch zur Bildung von Verschwörungsglauben beitragen. Verstärkend kommt hinzu, dass die verwendeten Algorithmen darauf ausgerichtet sind, die Verweildauern von Nutzern zu maximieren. So werden ihnen Inhalte angeboten, die zu den persönlichen Suchergebnissen und zur eigenen Chronik passen.

Dementsprechend wird es für den Nutzer schwieriger, die Inhalte richtig einzuordnen, da er keine oder nur wenige Beiträge mit anderem Tenor zu Gesicht bekommt – es entstehen Filterblasen.

Da vor allem junge Menschen soziale Medien nutzen, ist es wichtig, dass schon in der Schule Medienkompetenz und digitale Souveränität vermittelt werden (siehe auch: Lernen mit YouTube). 

Aber auch die Älteren, die anders als die sogenannten „digital natives“ nicht in einer digitalen Welt aufgewachsen sind, dürfen für Lehrangebote zu digitalen Medien nicht außer Acht gelassen werden.

+++ Sonderauswertung Ruhrgebiet +++

Neben der gesamtdeutschen Analyse wurde in der Studie ein besonderer Fokus auf das Ruhrgebiet gelegt - eine Region, um deren Identitätsfrage aufgrund des Strukturwandels gerungen wird. Dazu wurden neben den 1.099 Befragungen in ganz Deutschland weitere 1.017 im Ruhrgebiet durchgeführt. Die Ergebnisse passen zu dem häufig attestierten „Wir“-Gefühl des Ruhrgebiets (Grafik):

Im Ruhrgebiet spielen lokale Medien eine größere Rolle als in Deutschland insgesamt.

Auch wenn die wirtschaftlichen Herausforderungen der Region es eventuell vermuten ließen, in Bezug auf Tendenzen zum Verschwörungsglauben unterscheiden sich die beiden Befragungsgruppen nicht. 

Ob der größeren Nutzung zwischenmenschlicher Gespräche und lokaler Medien hier auch eine Schutzfunktion zukommt, wird im weiteren Projektverlauf untersucht.